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Udo Lindenberg - Panikoptikum (2 CD u. 1 DVD)

Von Diverse

Udo Lindenberg - ?Panikoptikum? (2 CD u. 1 DVD)
Nun gedenkt endlich auch Polydor/Universal ihrem einstigen Verkaufsgaranten Udo Lindenberg. Zwar sind die Feierlichkeiten zu dessen 30jährigem Bühnenjubiläum ? CD ?Der Panikpräsident? im Herbst 2003, gleichnamige Autobiographie und umfangreiche Konzerttournee durch die größten Hallen der Republik (?Der Aufmarsch der Giganten?) im Frühjahr diesen Jahren ? bereits verklungen. Trotzdem freut sich der Fan in einer ansonsten Lindenberg-armen Zeit Neues von seinem Idol hören, bzw. in diesem Falle auch sehen zu können. Na ja, besonders taufrisch ist das Material der soeben veröffentlichten, dreiteiligen ?Sound and Vision-Deluxe-Edition? namens ?Panikoptikum? (zwei CDs und eine DVD) auch nicht ? und doch ist das feudal ausstaffierte Set für langjährige Udo-Anhänger und Sammler genauso interessant wie für Neueinsteiger, die sich schon immer mal näher mit dem künstlerischen Schaffen des Urvaters der Deutschen Rockmusik, der im Mai seinen 58. Geburtstag feierte, auseinandersetzen wollten.
CD Numero Eins trägt den Untertitel ?30 Jahre? und wurde bereits 1999 kompiliert, als die selbsternannte ?Nachtigall von Billerbek? aufgrund chronischer Erfolglosigkeit in den Jahren zuvor von Polydor zum längst sanft entschlafenen Label ?Berlin Records/Sony? wechselte. 2004 wird die Best-of-Kollektion neu aufgelegt und bildet den Aufhänger für ?Panikoptikum?. Zwischen 1983 und 1999 stand Udo L. bei Polydor unter Vertrag. In dieser Periode verbreiterte er sein musikalisches Spektrum, baute nicht nur (wie in den 70er Jahren) auf gitarrenlastigen Bluesrock, Rock?n?Roll, Hardrock und stille Balladen, sondern experimentierte ein ums andere Mal mit zeitgemäßen klangtechnischen und rhythmischen Neuerungen, die nicht immer, aber doch häufig mit seiner wie eh und je frech-schnoddrigen Lyrik perfekt harmonierten. Vom ewigen Lindenberg-Erkennungszeichen ?Alles klar auf der Andrea Doria? (Titelsong von Udos erster Erfolgs-LP aus dem Jahr 1973, die seinerzeit bis auf Rang 23 der deutschen Album-Hitparaden steigen konnte) abgesehen, befinden sich auf ?30 Jahre? ausschließlich Songs aus Udos Polydor-Phase, was aber nicht bedeutet, daß nicht auch weitere Altklassiker den Weg auf die 15-Song-Silberscheibe gefunden haben. ?Hoch im Norden? (aus Lindenbergs deutschsprachigem Debüt ?Daumen im Wind?, 1972) gibt?s als Liveversion aus dem Jahr 1983 (entnommen der genialischen Livescheibe ?Lindstärke 10?) zu hören, das legendäre ?Cello? (im Original von 1973) nahm Udo L. 1997, gemeinsam mit dem Filmorchester Babelsberg, für sein ?Belcanto?-Spektakel erneut auf, das ihn erstmals weniger als schwitzigen Panikrocker, denn als ?Balladensänger, Chansonnier, Diseur vom Feinsten? (Konzertimpressario Fritz Rau im Beiheft), als kongenialen Verbinder von deutscher Literatur und Rockmusik zeigte. Der unumgängliche ?Sonderzug nach Pankow?, der, wie SPD-Politiker und Friedensforscher Egon Bahr im Beiheft anmerkt, ?ein Stück westliche Atmosphäre (in die ?DDR?. der Verf.) hineingetragen und auf seine Weise so zum Zerfall der Mauer beigetragen hat?, kommt ebenfalls im Livegewand zum Zuge, wie auch Udos (insgesamt zweiter) Hymnus auf die ?Reeperbahn?, mitgeschnitten bei einem umjubelten Konzert 1990 in Leipzig.
Als sich die musikalisch eher leichtfüßige Popballade ?Horizont? im Frühjahr 1987 unerwartet zu einem bis heute beliebten Radiohit entwickelte und sogar knapp die deutschen Single-Top-10 streifte, koppelte Udo im Laufe der folgenden Jahre einen eher ruhigen, lyrisch unpolitischen Song nach dem anderen aus seinen Alben aus und fand damit auch im Umfeld von bisher Lindenberg-kritischen Anhängern des gehobenen Schlagers neue Freunde. ?Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr? (Herbst 1987) oder ?Airport (Dich wiedersehen)? (Sommer 1989) präsentierten einen ungewohnten, romantisch-verträumten, aber auch gereiften Künstler. Später experimentierte Udo mit Synthipop- (?Die Klavierlehrerin?), Dancefloor- (?Club der Millionäre?, 1991) und zunehmend auch seichteren Popklängen (?Ein Herz kann man nicht reparieren?, dto.) ? den hitparadenhörigen Fans des Ex-und-Hopp-Mainstreams gefiel`s ? der traditionelle, beinharte Udo-Freak rümpfte ob derart dahinplätschernder, schlagerhafter Arrangements des öfteren deutlichst die Nase.
Nach 1993/94 fanden Lindenberg-CDs zumeist unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Tatsächlich erweisen sich hier berücksichtigte Songs aus den uncoolen 90ern, wie z.B. ?Der frische Wind von Berlin? (1996) oder ?You can`t run away?, 1999 gemeinsam eingespielt mit der damals sehr erfolgreichen Rap-Kommune ?Freundeskreis?, als konturloses Mittelmaß ohne Nachhaltigkeit und typischen Udo-Charme. Nichtsdestotrotz vermittelt ?30 Jahre? einen zwar mit ca. 61 Minuten recht kurzen, aber dennoch zumeist gelungenen Einblick in Udos vielschichtige Jahre bei Polydor, wobei politisch-sozialkritische Songs leider die Ausnahme bleiben.
Weshalb für die zweite CD von ?Panikoptikum? ausgerechnet ?Casa Nova?, Udos polarisierende 88er-Stellungnahme in Gänze herhalten mußte, statt, daß man weitere Klassiker, Hits oder Raritäten aus verschiedenen Alben zusammenstellte, bleibt das große Geheimnis der Verantwortlichen. ?Casa Nova? wurde zwar seinerzeit von den meisten Kritikern in den höchsten Tönen gelobt ? so erhob der ?Musikexpress? das 10-Song-Album im Herbst 1988 sogar zur ?LP des Monats? ?, stellte aber bestimmt nicht Udos erfolgreichste und zeittypischste Produktion für Polydor dar. Musikalisch extremst experimentell, durchaus vielfältig ? böse Zungen könnten auf die Idee kommen, von einem soundtechnischen Gemischtwarenladen zu sprechen ? balancierte Udo auf ?Casa Nova? fernab jeglicher Rockhymnen und dröhnender Gitarren zwischen den bedeutsamsten Popstilistiken der ausgehenden 80er Jahre nicht selten durchaus gekonnt und inspiriert hin und her. ?Casa Nova? war ein Album, das auf den ersten Blick sehr fremdartig wirkte und erst nach mehrmaligem Hören an Charme und Charisma zulegte. Ob tanzbare Reggaeversuche (?Dirty old Man?), legerer Synthipop a`la Pet Shop Boys (?Die Klavierlehrerin?), fesche Rap-/Funkverschnitte, gepaart mit modischen Ethhno-Akzenten (?Frauen?), nächtlich-großstädtischer Synthiblues voller Emotionalität, Sehnsucht und Verlangen (?Eifersucht?) oder spritziger Computerjazz (?Bist Du vom KGB…?) ? alles, was 1988/89 in den internationalen Hitlisten eine Rolle spielte, vermengte Udo auf ?Casa Nova? zu einer durchaus wohlschmeckenden, aber auch sehr eigenwilligen Kreation, in Anbetracht derer sich durchaus die Frage stellte, ob man die auf der LP praktizierte klangliche Zeitgeisterfahrt von einem gestandenen Rocker wie Udo L. tatsächlich so sehnsüchtig erwartet hatte… Zwar nerven die teilweise extrem pubertären Texte mancher Songs, ansonsten aber ist ?Casa Nova?, auch 16 Jahre nach Erstveröffentlichung, immer noch über weite Strecken spannend anzuhören, auch wenn eine durchgehende Linie, musikalisch wie textlich, genauso fehlt wie Udos übliches Aufspießen politisch-gesellschaftlicher Gegebenheiten und Absurditäten.
13 Videos und rare Konzertauschnitte finden ihren Platz auf dem Set beigefügter DVD mit dem Titel ?Die erste Vision?. Ein gemischtes Vergnügen, was der lyrisch so brillante Erschaffer legendärer Rock-Revuen und theatralischer Inszenierungen vieler seiner Songs an Promofilmen zu seinen Singles ab 1987 zustande gebracht hat. Unnötig etwa das aussagelose Filmchen zur auf Nenas ?99 Luftballons? basierenden AIDS-Warnung ?98 Lustballons? (1987), pubertär-peinlich, hart an der Grenze zur Pornographie, bewegen sich Udos autoerotische Schweinigeleien im Clip zum auch musikalisch kraftlos vor sich hindümpelnden Disconümmerchen ?Renate von Stich? (1991 ? so heißt der Song, nicht etwa ?Katrin von Freund? oder so…). Die einseitig-sozialromantische Proklamation der multikulturellen Gesellschaft in ?Bunte Republik Deutschland? (1989) ist schon in inhaltlicher Hinsicht als fragwürdig zu betrachten, musikalisch zudem belanglos ? der dazugehörige Videoclip stellt kaum anderes dar, als eine Billig-Kopie von Peter Gabriels visuellem Meisterwerk ?Sledgehammer?, die auf Teufel komm raus dessen künstlerischen Stellenwert anstrebt, aber niemals auch nur im entferntesten erreicht. Typische Lindenberg-Ironie findet man hingegen im leicht anerotisierten, aber stets augenzwinkernd gehaltenen Film zur ? in diesem Set drei mal (!) bedachten ? ?Klavierlehrerin?, stimmungsvolle Bilder von St. Pauli bei Nacht in ?Wo ich meinen Hut hin häng? (1992). Gut gemeint, aber in letzter Konsequenz mehr als nur blauäugig, erweist sich ?Panik Panther?, eine rockige Fassung des Filmhits ?La Rififi?, in dessen Text Udo (nicht nur) auf den ersten Blick braunen Skinheadterror mit ?politisch korrekter? Gegengewalt (?und wir hauen mit den Tatzen / Den Skins auf die Glatzen?) beantworten möchte. Derartige Vorschläge, die letztendlich auf Selbstjustiz hinauslaufen, können liebend gerne in libertären Zirkeln debattiert werden. Ein explizit locker gehaltener Dreieinhalb-Minuten-Popsong eignet sich dazu nicht, zumal es in erster Linie Pflicht der Staatsmacht sein sollte, gegen Politkriminelle jeglicher Couleur mit aller Härte vorzugehen, selbst wenn es gute Gründe für ein beherztes Eingreifen von Normalbürgern gegen tumbe Glatzköpfe gibt. Witzig hingegen Udos Parodie auf oberflächliche und nur an Besitztümern interessierte ?Germans?: Ein in plakativ miserablem Englisch gehaltener Funky Rock`n`Roll, visuell umgesetzt von Regisseur Adolf Winkelmann, 1985 mit dem jungen Ben Becker und der Nachwuchsschauspielerin Nadja Brunckhorst (bekannt aus ?Christiane F. ? Wir Kinder vom Bahnhof Zoo?) gedreht, wobei in diesem herrlich sarkastischen Video die unbändige Völlerei als Synonym für unersättliche ?Germans? steht.
Ebenso in die tiefsten 80er hinein führen uns die historischen Livemitschnitte von ?Sonderzug nach Pankow? und ?Mädchen aus Ost-Berlin (Wir wollen doch einfach nur zusammen sein)?. Der NDR hatte seinerzeit Udos gefeierte Rock-Revuen ?Odyssee? (1983) und ?Götterhämmerung? (1984) aufgezeichnet. Nachdem die für Frühsommer 1984 geplante ?DDR?-Tournee des Friedensrockers seitens der Steinzeitsozialisten in der ostzonalen Kulturbehörde untersagt worden war, strahlte die ARD immer wieder in kurzen Abschnitten beide Konzertfilme aus ? damit Udos Freunde in der Honecker-Diktatur wenigstens in den Genuß von Fernsehübertragungen ihres Idols kamen, wenn sie schon auf Auftritte Udos aufgrund der staatlichen Zensur verzichten mußten. Eine DVD mit den gesamten ARD-Aufzeichnungen beider Shows wäre eine kleine Anregung für weitere Udo-?Visionen?, selbst wenn die Tonqualität nach 20 Jahren doch sehr gelitten zu haben scheint… Eine Vielzahl von bekannten wie seltenen Photos, verschiedenartige Interviewsequenzen, eine komplette Diskographie sowie eine ausführliche Biographie und einige besonders gelungene Exponate von Udos Malereien runden die ca. einstündige DVD ab.
Von genannten Minuspunkten im künstlerischen Bereich und der teils seltsam anmutenden Auswahl der darauf zusammengestellten Songs und Clips abgesehen, beweist auch ?Panikoptikum? Udos nicht zu stoppende Kreativität, die er nun schon seit über 30 Jahren konsequent und letztlich ruhelos praktiziert. Durchhänger und Phasen, in denen einem einfach nichts Gescheites einfallen mag, durchlebt ein jeder großer Künstler. Um so bedauerlicher, daß Udo vor kurzem seinen Vertrag mit BMG-Berlin verloren hat. Aber zwischen qualitativ so ?hochwertigen? und vor allem derart ?ewigkeitstauglichen? Labelkollegen wie Daniel Küblböck, Dieter Bohlen oder Wolfgang Petry wäre ein Udo Lindenberg ? so ist zu befürchten ? zwar ein kreativer Lichtblick, aber dennoch stets ein Fremdkörper geblieben. Ein Großteil des auf ?Panikoptikum” versammelten Materials liefert dafür den eindeutigen Beweis!
Gesamtnote ? Musik: 2 bis 3
Gesamtnote ? Videos 3 bis 4
Gesamtnote ? Konzeption: 2 bis 3
(C) (Holger Stürenburg, 12./13. Juli 2004)

Nachtrag- Udo Lindenberg
Herr Arno Köster (East Tools Media, Leipzig), seines Zeichens Medienmanager von Udo Lindenberg, hat sich sehr über meine Rezension des aktuellen Udo-Lindenberg-Fansets ?Panikoptikum? gefreut, bittet mich aber um eine kleine Richtigstellung:
Udo Lindenberg hat, anders als ich es in meinem Artikel schrieb, seinen Plattenvertrag mit der Firma BMG-Berlin nicht verloren. Der Kontrakt wurde statt dessen bereits Monate vor der großen Kündigungswelle in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. Als Grund werden unterschiedliche künstlerische Auffassungen genannt.
Ich erlaube mir, dazu folgenden Kommentar abzugeben. Udo Lindenberg, immerhin der geistige Vater des deutschen Rock, ohne den keine Neue Deutsche Welle, kein Deutschpop, wohl nicht einmal einheimischer Hip Hop und Neorock a?la ?Hamburger Schule? möglich gewesen wären, tat sich in seiner inzwischen über 30jährigen Karriere niemals als Ex-und-hopp-Künstler hervor.
Im Gegensatz zu vielen, ausschließlich auf kommerzielle Verwertbarkeit ausgerichteten Produkten, insbesondere bei seiner bisherigen Firma, die immerhin bislang den gesamten ?Superstar?-Zirkus unterstützt und vermarkt hat, zudem solch ?kreative Koryphäen? wie Wolfgang Petry oder Dieter Bohlen unter Vertrag hat, gelangen dem Panikrocker immer wieder musikalische Kleinode ohne jegliches Verfallsdatum. Als überzeugtem Udo-Anhänger seit 1983/84 tut es mir sehr weh, wenn die genannte Firma offenbar dessen musikalische ?Langzeitwirkung? nicht erkannt hat und man sich somit offenkundig nicht auf eine weitere Zusammenarbeit hat einigen können. Während aktuelle BMG-Vertragspartner, wie die genannten, früher oder später größtenteils der Vergessenheit anheim gefallen sein dürften, werden die meisten Lindenberg-Songs noch immer und weiterhin einen hohen künstlerischen wie zeitgeschichtlichen Stellenwert besitzen. Es ist Udo daher sehr zu wünschen, daß er bald mit Schallplattenfirmen ins Gespräch kommt, deren Interesse in erster Linie der Musik als Kunst und nicht als reine Geldbeschaffungsmaschine gilt, so daß es ihm auch jetzt und in Zukunft möglich ist, spannende, ungewöhnliche, sicherlich auch nicht immer leichtverdauliche künstlerische Projekte zu starten!
?Wenn ich heutzutage das Radio einschalte, habe ich oft den Eindruck, mir strömten Geldscheine statt Töne entgegen? (SAGA-Frontmann Michael Sadler, 1999, im Gespräch mit dem Verfasser)
(Holger Stürenburg, 17. Juli 2004)

Artikel vom 15. Juli 2004

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