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Udo Lindenberg - Gegen den Strom (2 CD)

Von Diverse

Am 17. Mai diesen Jahres feiert Udo Lindenberg seinen 60. Geburtstag. Der in Gronau geborene und seit über zwei Jahrzehnten im Hamburger ?Hotel Atlantic? residierende Panikrocker gilt zweifellos und mit vollster Berechtigung als Urvater und Begründer der deutschen Rockmusik. Er bewies mit stets trefflichen Worten, Wortschöpfungen und Formulierungen, daß unsere eckig-kantige Muttersprache und krosse, dralle, heftige Rock-, Blues- und Heavyklänge angloamerikanischer Prägung äußerst praktikabel miteinander harmonieren können. In seinen Liedern karikierte er häufig den gerade herrschenden Zeitgeist, dessen Teil er selbst nicht selten war. Er verlor die Deutsche Frage niemals aus den Augen, als die linksliberale Künstlerschickeria Wiedervereinigung und nationale Selbstbestimmung aller Deutschen längst abgeschrieben hatte. Mit seinem legendären ?Sonderzug nach Pankow? rammte er bereits 1983 erste irreparable Risse in die Berliner Mauer. Lindenberg rief den Nachgeborenen die deutsch-jüdische Hochkultur der 20er/30er Jahre ins Gedächtnis, setzte sich singend und handelnd gegen neonazistische Gewalt ein. Zuletzt trat er mehr als Zeichner und Politdiskutant, denn als Musiker in Erscheinung; dennoch ist die selbsternannte ?Nachtigall von Billerbek? auch zu seinem Sechzigsten weiterhin in aller Munde.
Grund genug, ein paar seiner Klangwerke aus dem immerhin über dreißigjährigen Dauerexzeß mit seinem Panikorchester dem Archiv zu entnehmen und in CD-Form all jenen jungen Menschen vorzustellen, die in der Jetztzeit von all den nachgewachsenen deutschen Rockbands, von ?Silbermond?, ?Juli?, ?Wir sind Helden? oder gar ?Tokio Hotel?, schwärmen, ohne zu wissen, daß es das Geburtstagskind alleine war, das diese positive Entwicklung, hin zu einem selbstbewußten, teutonischen Rock- und Popverständnis, überhaupt erst möglich gemacht hat. Als erste Gratulantin ist die Münchener Firma SONY-BMG an der Reihe, die am 5. Mai 2006, zu einem übergünstigen Preis von nur rund neun Euro, die (zusammengenommen) knapp 90minütige Doppel-CD ?Gegen den Strom? dem Schallplattenmarkt zuführt. Die darauf enthaltenen insgesamt 22 Songs stammen überwiegend aus Udos letzter Livescheibe ?Ich schwöre ? Das volle Programm?, die Anfang 2001 beim damaligen CBS-Unterlabel Berlin Records erschienen ist, sowie aus den zwei einstigen BMG-Berlin-Produktionen ?Atlantic Affairs? (2002) und ?Der Panikpräsident? (2003) ? all dies wird heute von SONY-BMG verwaltet. Weshalb aber außer des atmosphärischen Pianoschleichers ?Der Panther? kein einziger Track aus Udos Berlin-Records-Debüt ?Der Exzessor? (2000) berücksichtigt wurde, bleibt im Dunkeln.
Im Laufe der 90er Jahre durchlebte Udo L. seine in musikalischer Hinsicht experimentellste Phase aller Zeiten. Er versuchte sich an Hip Hop, diffusen Elektronikspielereien, gar an neumodischen Grunge- und Tekkno-Elementen, was seinen alteingesessenen Fans allerdings nicht allzusehr aus dem Herzen sprach und von vielen keineswegs ernstgenommen, geschweige denn goutiert wurde. So blieben die gewohnten Erfolge aus; der seit 1982 bestehende Plattenvertrag mit Polydor/Universal war beendet. Folglich besann sich der dauerhafte Hutträger daraufhin auf genau das, wofür er jahrzehntelang generationsübergreifend geliebt und verehrt wurde. Er warf Computer, Rhythmusmaschinen und Synthesizer aus dem Studio und legte im April 2000 das knackige, gitarrenbetonte Rockopus ?Der Exzessor? vor, seinen Einstand bei Berlin Records/CBS. Mit diesem Programm und natürlich seinem Panikorchester im Rücken, begab sich der strammem Whisky und schönen, jungen Frauen gleichermaßen nicht abgeneigte Altrocker im Mai vor sechs Jahren auf umfangreiche Deutschlandtournee, im Rahmen derer erwähnte, mehr als nur gelungene Live-Doppel-CD ?Ich schwöre ? Das volle Programm? mitgeschnitten wurde. Udo selbst bezeichnete diese Konzertserie als ?Zeitreise von 1920 bis 2020?, weshalb er dabei eine Menge Lieder aus den verschiedensten Dekaden präsentierte. Die wichtigsten haben es nun auf ?Gegen den Strom? geschafft.
So etwa die monumentale Begrüßungshymne ?Seid willkommen in Berlin?, der melodische, etwas dröge geratene Gitarrenpopper ?Gegen den Strom, gegen den Wind?, seinerzeit als Erkennungsmelodie des Radrennteams der ?Deutschen Telekom? bei der ?Tour de France? eingesetzt, eine laute, nervöse, beinahe bedrohlich anmutende Neuinterpretation der Brecht/Weill-Komposition ?Mackie Messer?, das von Kirchenkritiker Udo L. vollkommen unerwartete, sehr stille, intime, radikalst in sich gekehrte Fast-Gebet ?Gott, wenn es Dich gibt? oder die kessen, im mittlerem Tempo gehaltenen Liebeserklärungen ?Süße Lippen? oder ?Und trotzdem lieb ich Dich so sehr?, die im Studiooriginal sämtlich auf ?Der Exzessor? vorhanden sind. Seine rifflastige, ultraeingängige 1987er-Tucholsky-Vertonung ?Augen in der Großstadt? (die im Mai 2000 als aufputschender Eröffner der jeweils über zweistündigen Konzertabende fungierte), eine fröhlich swingende, wenn auch latent augenzwinkernde Sichtweise des unvergeßlichen 20er-Jahre-Klassikers ?Bel Ami? sowie die hocherotisch prickelnde, vertonte Sehnsuchtselegie ?Baby, wenn ich down bin? (im Original aus 1980) suchten die SONY-BMG-Verantwortlichen gleichfalls aus genanntem Live-Doppelalbum für ?Gegen den Strom? heraus. Aus Udos gefeierter 2002er-Rockrevue ?Atlantic Affairs? wurde eine bedächtige Nachempfindung des Marlene-Dietrich-Gassenhauers ?Ich hab noch einen Koffer in Berlin? ausgewählt.
Nahezu der gesamte Rest des Repertoires von ?Gegen den Strom? entlieh man Udos Stellungnahme zum 30jährigen Jubiläum seiner langjährigen panischen Begleitcombo. ?Der Panikpräsident? nannte sich die letzte BMG-Arbeit des selbstironischen Möchtegern-Bundespräsidenten, für die er 2003 fast zwei Dutzend seiner eigenen Reißer, Hits und Allzeiterfolge aus 30 Jahren, den technischen Möglichkeiten des Heute entsprechend, neu einspielte. In bester Klangqualität, zumeist wesentlich rockender, gitarrenorientierter, ja, gar passionierter und professioneller, als in den oft schon 20, 25 Jahre alten Erstfassungen, hören wir nun also zugleich auf ?Gegen den Strom? den einstigen Oldtime-Jazz-Verschnitt ?Alles klar auf der Andrea Doria?, mit dem 1972/73 im sagenumwobenen Liveclub ?Onkel Pö? zu Hamburg-Eppendorf alles seinen Anfang nahm, das so balladeske wie satirische 87er-Liebesschmankerl ?Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr?, das bissige Anti-Nazi-Statement ?Sie brauchen keinen Führer? (1984), die rührige, kinderliedartige Friedensforderung ?Wozu sind Kriege da?, selbstverständlich ?Wir wollen doch einfach nur zusammen sein?, Udos schwärmerisch-visionäre Ode an das ?Mädchen aus Ostberlin? (1973), das sich übrigens laut seiner 2003 erschienenen Autobiographie ?Panikpräsident? nach der Wende als lupenreine Stasifunktionärin entpuppt hatte, die rasante, aufmüpfige Hommage an die ?Reeperbahn? und ? wie kann es anders sein? ? den hochgradig geschichtsträchtigen ?Sonderzug nach Pankow? ? hier aufgeführte unzerstörbare Perlen einheimischen Rockallgemeinguts aus der Feder des in wenigen Tagen 60jährigen Multimediatalents, sind nun ebenfalls auf ?Gegen den Strom? zu vernehmen. Polydor/Universal stellte, sozusagen als Sahnehäubchen, die niedlich-schwelgende Pianoballade ?Airport (Dich wiedersehen)? (1988) und die locker-poppig-flockige Kooperation mit den Humpe-Schwestern Anete und Inga, ?Ein Herz kann man nicht reparieren? (1991), für vorliegendes Zwei-CD-Set zur Verfügung.
Keine Frage, die 22 Songs von ?Gegen den Strom? stellen ausschließlich einen Bruchteil des unerschöpflichen kreativen Schaffens Udo Lindenbergs dar, der im Zuge seiner weit mehr als ein Vierteljahrhundert währenden Karriere über 50 LPs bzw. CDs vorlegte. Dennoch sei es SONY-BMG herzlich gedankt, dem von nicht wenigen Popfreunden nicht mehr so intensiv wahrgenommenen Spätwerk des undogmatischen Zeitkritikers mittels ?Gegen den Strom? Referenz erwiesen zu haben. Durchhänger gibt?s darauf keine, alles rockt und rollt impulsiv, mitreißend und spannungsgeladen durch die Gehörgänge. Bleibt nur zu hoffen, daß sich das Deutschrock-Urgestein noch lange nicht zur Ruhe setzt, auch jetzt und in Zukunft gewitzt, kritisch, wenn es sein muß sarkastisch und zugespitzt, aber nie belehrend oder agitativ, Zeit und Geist der bei weitem noch nicht genügend zusammengewachsenen ?Berliner Republik? musikalisch aufspießt und künftig noch viele, viele tolle Songs in seinem liebgewonnenen, unkopierbaren Stil zwischen Schnoddrigkeit, sanftem Spott und genialischer Beobachtungsgabe abliefert!
Gesamtnote: 2plus
(Holger Stürenburg, 25./26. April 2006)

Artikel vom 27. April 2006

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