Udo Jürgens Der Solo-Abend Live am Gendarmenmarkt (2 CD u. 1 DVD)
Udo Jürgens hat den Blues! Obwohl der Große Alte Mann des gehobenen Popchanson während seiner inzwischen schon über 40 Jahre andauernden Showkarriere mit den verschiedenartigsten Stilistiken der Unterhaltungsmusik experimentiert hat und dabei selbstverständlich auch des öfteren das legendäre Zwölf-Takt-Schema in seine Kompositionen einbaute, war niemals besonders eindeutig ersichtlich, daß es sich bei Herrn Jürgens in Wirklichkeit wohl um einen verkappten Blueser handeln mußte. Der Eindruck, der 71jährige Kärntner Sänger, Liederschreiber und Komponist, fände eigentlich sein wahres Heil im deftigen Pianoblues des schwarzen Amerika, könnte bei jenen Musikgourmets entstehen, die sich Jürgens? soeben erschienene Live-Doppel-CD bzw. ?DVD ?Der Solo-Abend ? Live am Gendarmenmarkt? (SONY-BMG) aufmerksam zu Gemüte geführt haben. Denn so roh, ungestüm, erdig und ungeschliffen gab?s den österreichischen Romancier und Chansonnier selten zuvor zu hören.
Wer bereits in seinem Leben das eine oder andere Udo-Jürgens-Konzert besucht hat, dem ist bekannt, daß der edle Meisterpianist mit Wohnsitz nahe Zürich den überwiegenden Teil seiner oft bis zu dreistündigen Shows meist durchwegs unterstützt vom professionellen, vielköpfigen Showorchester des Schweizer Bandleaders Pepe Lienhard zelebriert. Dies bedeutet: Bombastische, monumental inszenierte Sounds, häufig eine Unzahl von Bläsern und Streichern mit von der Partie ? ergo eine stark ausgefeilte musikalische Umhüllung, in die sich der Star des Abends jederzeit fallen lassen kann, die seine Lieder trägt und sogar mal den einen oder anderen Spiel- oder Gesangsfehler umgehend optimiert und unmerkbar werden läßt. Doch sobald Udo Jürgens den Hauptpart eines Konzertabends, begleitet von Lienhards perfekt aufeinander abgestimmter Truppe, absolviert hat und die allerallerletzte Zugabe ansteht, ist es zwischenzeitlich feste Regel geworden, daß der erschöpfte und glückliche Popentertainer im weißen Bademantel nochmals zurück auf die Bühne kommt, sich an sein Klavier setzt und seine Vorstellung, völlig alleine, auf sich gestellt, ohne technische Mätzchen und das weiche Soundbett der ?Pepe Lienhard Band? im Rücken, mit einem witzigen Potpourri aus jeweils den bedeutsamsten Takten seiner bekanntesten Songs beschließt. Da diese ?Bademantel-Medleys? längst Kultstatus besitzen, beschloß Udo Jürgens vor vier Jahren, mit einem reinen Soloprogramm ? Mann am Klavier, höchstens ab und zu sacht begleitet von einem Gitarristen an der Halbakustischen ? auf großangelegte Tournee zu gehen, sozusagen seine beliebten ?Bademantel?-Spielereien auf einen vollständigen, über zweistündigen Konzertabend auszudehnen. Insgesamt bestritt der von Damen jeden Alters umschwärmte Playboy 30 Einzelkonzerte mit über 120.000 Zuschauern. Die drittletzte Veranstaltung dieser Reihe fand im Juli vor einem Jahr im Rahmen des Festivals ?Classic Open Air 05? auf dem Berliner Gendarmenmarkt statt, wo rund 6.500 Zuschauer Zeuge von Udo Jürgens? erst scheuer, dann immer deutlicherer Hinwendung in Richtung des knarzigen Pianoblues werden konnten. Der trotz ungemütlichen Nieselregens begeistert aufgenommene Open-Air-Auftritt wurde vom ZDF mitgeschnitten und liegt nun, wie eingangs erwähnt, als zweistündige Doppel-CD und ? in ungeschnittener Form ? als ca. 150minütige DVD vor.
37 sowohl klassische, als auch brandneue Werke des international renommierten Weltklassekünstlers, sei es mit allen Strophen und Refrains ausgespielt, oder in Kurzfassung zu Medleys zusammengefaßt, legen einen vollkommen neuen, ungewohnten, aber hochgradig faszinierenden Udo Jürgens an den Tag. Vollends ohne Popzwang, ohne eine schnittige technische Ausstaffierung seiner Lieder zugunsten von Radiotauglichkeit und kommerzieller Verwertbarkeit, haut der 71jährige mal sanft, mal aggressiv in die Tasten und wirkt nicht selten wie ein grundehrlicher, durchaus selbstkritischer, vom Leben gezeichneter Lebemann, der auf seinem Instrument sein bisheriges bewegtes Dasein Revue passieren läßt und zu einem pulsierenden Geschichteneerzähler, einer Art ?Bob Dylan des Chansons?, gar ?Randy Newman des deutschen Schlagers?, erwächst.
Im Anschluß an die betont introvertierte, nachdenkliche Einleitung, in der Jürgens seine Balladen ?Verloren in mir? und ?Die Welt braucht Lieder? als wohlproportionierte Mixtur wiederaufleben ließ, folgt sogleich der hingebungsvoll traditionelle Boogie-Woogie-Reißer ?Jetzt oder nie? ? zum Zeitpunkt des Konzertes noch unveröffentlichter Titelsong seiner im September 2005 erschienenen, aktuellen Studioscheibe. Dem Rezensenten, den ebengenannter Tonträger keineswegs vom Hocker gerissen hat, merkt erst jetzt, beim Hören von ?Jetzt oder Nie? in der auf das Wesentlichste reduzierten, akustischen Urfassung, welch enorme Power, welch Druck und Aussagekraft jenem Song im zwar makellosen, aber eben sterilen Studioarrangement genommen wurden. Selbiges gilt für das gleichfalls auf der CD ?Jetzt oder nie? enthaltene ironische Schmankerl ?Frauen? ? im Studio ein nicht gerade vor Charme übersprudelnder, mittelmäßiger Popschlager, solo am Klavier dagegen ein treibender, swingender Barjazz erster Güteklasse
Wo Jürgens seine scheinbar lange schlummernde Passion für pianistischen, kargen und doch gleichzeitig immense Lebensfreude in sich tragenden Blues, Jazz und Swing einst gefunden haben mag, wird beim dritten Lied des Programms klar. Als junger Musikstudent, so erzählt er, habe er einige Zeit lang als fast einziger Weißer unter Millionen Farbigen im New Yorker Stadtteil Harlem gelebt. Dort habe er sich in Jazzkneipen und bei Gospelgottesdiensten Inspiration für eigenes kreatives Schaffen geholt. So intoniert er den Swing-Standard ?That Lucky Old Sun?, Ende der 40er gesungen von Louis Armstrong, Ray Charles oder Frankie Laine, mit einer Inbrunst und Überzeugungskraft, als hätte sich Jürgens niemals auf eine andere Art von Musik eingelassen.
Viele seiner Lieder erleben im Zuge dieses Solokonzertes Radikalkur und Frischzellenkur in einem. Ob fröhlich-sonnige Reggaeshuffles (?Jeder so, wie er mag?), intensive, lyrisch hochtrabende Balladen (?Mein Baum?, ?Ich würd es wieder tun?, ?Deinetwegen?), klassischer Pop/Rock (?Es lebe das Laster?) poppiger Blues (?Weichei?), wiegender Rock?n?Roll (?Ein ehrenwertes Haus?) oder schlagerhafte Evergreens (?Ich war noch niemals in New York?) ? all diese Perlen erstrahlen pur und ?ohne Netz und doppelten Boden? in gänzlich neuartigem, unerwarteten, aber zu keinem Zeitpunkt unsympathischem Klanggewand. Weniger Bekanntes aus der Rubrik ?Lieder, die im Schatten stehen?, wie z.B. der erotisch-urbane ?Schuft?, das von Reinhard Mey betextete Gefühlsdrama ?Auf meinem Tisch ein weißer Bogen? ? eine Komposition, die Jürgens übrigens nie zuvor ?live? auf einer Bühne aufgeführt hat ? oder das seinerzeit für Frank Sinatra bzw. Sammy Davies jr. verfaßte Abschiedsepos ?Gäb es nur noch dieses Lied für mich?, könnten womöglich jetzt, im so charismatischen wie vor Spannung nur so knisternden Soloambiente, jene Reputation erlangen, die ihnen, übertrumpft von all den unvergeßlichen Mitsing-Schlagern aus der Feder des Kärntner Multitalents, bislang verwehrt blieb. Einen Großteil ebenjener unzerstörbarer, ohrwurmträchtiger Kleinode zwischen eingängigem Pop und freundlichem Schlager verteilte Udo Jürgens auf mehrere Medleys: ?Zeig mir den Platz an der Sonne?, ?Paris ? einfach so nur zum Spaß?, ?Griechischer Wein?, ?Mit 66 Jahren?… kaum einen seiner Ewigkeitshämmer ließ Jürgens in jenem Konzertrepertoire aus. Zusätzlich gab?s weitere Stücke vorab aus ?Jetzt oder nie? zu hören, so z.B. die konsequent offene und willensstarke, leicht autobiographische Ballade ?Bis ans Ende meiner Lieder? oder ?Der Mann mit dem Fagott?, die musikalische Untermalung von Jürgens vor zwei Jahren erschienenem, gleichnamigen Roman, bevor der Maestro sich ganz zum Schluß der Veranstaltung ? wie konnte es anders sein? ? im blendend weißen Morgenrock auf die Bühne schlich und erneut beinahe ein Dutzend seiner Klassiker in Medley-Form aus dem Hut zauberte.
Hinter fast jeder Note lauerte letztendlich unverrückbar und stolz der tiefgreifende, weitschweifende Blues; unnötig Poppiges, Seichtes, Kommerzielles streifte Jürgens seinen Werken mit wohlgemeinter Impertinenz und viel Liebe zum Detail sofort merkbar ab, interpretierte sie roh und ungeschönt, so daß sie ein ganz spezielles Flair des Originalen, des Ursprünglichen, verliehen bekamen. Und daß Jürgens? Stimme altersbedingt etwas rauher und brüchiger geworden ist, als sie es früher war, fällt überhaupt nicht negativ ins Gewicht. Ganz im Gegenteil, denn gerade dieses nicht mehr änderbare Faktum verführt den Zuhörer/Zuschauer dazu, schleunigst die Augen zu schließen und sich und den vortragenden Künstler stehenden Fußes in eine verräucherte, düstere Jazzkaschemme ins tiefste, schwärzeste Harlem zu träumen, wo ? man mag es bis dato nicht geahnt haben ? vielleicht die ausschlaggebendste, folgenreichste Wiege von Udo Jürgens? genialischem Liederschreibertalent stand.
Gesamtnote: Bestwertung
(Holger Stürenburg, 05./06. Februar 2006)
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