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Tony Holiday - Tanze Samba mit mir

Von Diverse

Der Hamburger Schlagersänger Tony Holiday war Zeit seines Lebens stets haarscharf am großen Durchbruch vorbeigeschlittert. Zwischen 1974 und 1984 veröffentlichte der gelernte Modedesigner über 20 Singles, die, von nur zwei, drei Ausnahmen abgesehen, nahezu vollständig in der zweiten Liga verblieben. Woran dies gelegen haben mag, kann man anhand der CD ?Tanze Samba mit mir? versuchen, im Nachhinein ? 14 Jahre nach seinem frühen Tod ? zu analysieren. Die soeben bei KOCH/Universal veröffentlichte Silberscheibe kompiliert die 18 wichtigsten 45er von Tony Holiday erstmals auf einem Album.
Der Hörer findet schnell heraus, weshalb Tony Holidays Karriere nie so richtig ins Rollen kam: Obwohl der 1951 als Rolf Peter Knigge geborene Hanseat viele seiner Songs selbst schrieb und ansonsten so prominente Komponisten und Texter wie Dieter Bohlen, Hanne Haller, Günther Behrle, Andrea Andergast oder Bernd Meinunger für ihn tätig wurden, gelang es dem dunkelblonden Sänger mit den großen, strahlenden Augen niemals, sich einen eigenständigen, unverkennbaren Stil anzueignen, der einzig und alleine für ihn, für Tony Holiday, stand und mit dem er hätte aus der Vielzahl ähnlichklingender Schlagersternchen der 70er Jahre hervorstechen können.
Bei seinen ersten Aufnahmen wie z.B. ?Du hast mich heut? noch nicht geküßt? oder ?Den Appetit kannst Du Dir holen? (beide 1975) klang Tony Holiday wie eine saft- und kraftlose Schmalspurausgabe des seinerzeit höchsterfolgreichen Chris Roberts. Humbtata-Rhythmen, volkstümlich säuselnde Arrangements und teils mehr als nur dümmliche Texte verhinderten trotz einiger Auftritte in Dieter Thomas Hecks ?Hitparade im ZDF? eine breitere Wahrnehmung des Mittzwanzigers in der damals so prächtig blühenden Glitzerwelt des deutschen Schlagers. Was bei Chris Roberts Kult war, wirkte bei Tony Holiday nur peinlich. Ein Jahr später versuchte der Sänger, Texter und Komponist die naiv-niedlichen Fernwehsehnsüchte der 50er Jahre mit den flotten Rhythmen der 70er zu verbinden: ?Monte Carlo? geriet zwar durchaus zu einem kleinen Radiohit, legte jedoch weiterhin keinerlei Wiedererkennungswert, keine persönliche Note des vortragenden Künstlers an den Tag. Im Herbst 1977 sattelte Tony Holiday um und versuchte nun, auf der alles bestimmenden Discowelle jener Tage mitzureiten. Ausschlaggebend für diese stilistische Neuorientierung war seine selbstgetextete deutsche Version des italienischen Sommerhits ?A Far L?amore Comincia Tu (Liebelei)?, mit dem die spätere TV-Moderatorin Raffaella Carra ein paar Monate lang europaweit die Tanzsäle zum Kochen gebracht hatte. Unter dem Titel ?Tanze Samba mit mir? versuchte Holiday, sich an diesen internationalen Erfolg anzuhängen ? und hatte tatsächlich Glück: Im Herbst 1977 stürmte seine Version des südamerikanisch beeinflußten Tanzflächenfüllers die einheimischen Hitparaden. Die immense Beliebtheit des penetrant fröhlichen, absichtlich luftig-leicht gehaltenen und alles andere als anspruchsvoll ausgestalteten Discoschlagers zu Zeiten von Schleyer-Entführung und ?Deutschem Herbst? mag darauf zurückzuführen zu sein, daß die von Terroristenfurcht und Zukunftsangst gelähmten Bundesbürger zumindest abends, nach immer neuen Schaudermeldungen in der ?Tagesschau?, abschalten und, zusammen mit dem Interpreten, in die positiven Wirren des brasilianischen Karnevals fliehen wollten ? fernab von RAF-Terror, ?Landshut?-Entführung, Rasterfahndung und Kontaktsperregesetzen. Zwischen Oktober 1977 und März 1978 sang Tony Holiday seinen Hit regelmäßig in der ?ZDF-Hitparade?, erreichte zweimal Rang Zwei und konnte im November 1977 sogar den Siegerpokal mit nach Hause nehmen
(Noch beliebter beim deutschen Volke hätte sich der Schlagersänger allerdings gemacht, wenn er manche seiner Aufnahmen der Terroristenbekämpfung zur Verfügung gestellt hätte. Stundenlange, pausenlose Dauerberieselung der in Stammheim einsitzenden Politbanditen mit genannten Holiday-Schlagern… ich garantiere, nach kürzester Zeit hätten Baader, Ensslin, Raspe und Co. den Ort, an dem ihre verbrecherischen Gesinnungsgenossen den Stuttgarter Arbeitgeberpräsidenten gefangen hielten, schleunigst preisgegeben ? Hauptsache, die Musik wäre ausgeschaltet worden… Krisenstabs-Mitglied Franz Josef Strauß wäre niemals medial so angegiftet worden, hätte er nicht proklamiert, ?alle drei Stunden? einen der einsitzenden Terroristen zu erschießen, um Schleyers Freilassung zu erwirken, sondern acht mal pro Tag Tony Holiday zu einem Liveauftritt nach Stammheim einzuladen; hätte Kaiserenkel Otto von Habsburg statt einer ?befristeten Diktatur? in der Bundesrepublik eine ?befristete Regentschaft Tony Holidays? zur Bekämpfung des Terrorismus gefordert ? der ?Deutsche Herbst? wäre möglich vollkommen anders ausgegangen…)
Gut, die Discowelle mit südamerikanischen Anklängen schien Tony Holidays neues Leib-und-Magen-Metier geworden zu sein. Es folgte 1978/79 eine Menge tanzbarer Popnümmerchen der Sorte ?Disco Lady?, ?Samba Ole, Rumba o.k.?, ?Es lebe Copacabana?, unterbrochen vom erneuten Chris Roberts-Verschnitt ?Rosy, Rosy? ? melodisch verdächtig nahe angelehnt an den traditionellen Faschingsschlager ?Ein Prosit, ein Prosit auf die Gemütlichkeit? und wie prädestiniert zur Bekämpfung des weltweiten Terrorismus!
Doch den durchschlagenden Erfolg seiner Raffaella-Carra-Bearbeitung konnte er mit diesen inhaltlich ähnlich ausgerichteten Liedern zwischen Schlager, Pop, Disco und brasilianischen Samba- und Rumbaeinsprengseln nicht wiederholen. Auch ein Auftritt bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision, am 17. März 1979 in München, endete im Fiasko: Eine erneute Sauf- und Bumsnummer namens ?Zuviel Tequila, zuviel schöne Mädchen?, komponiert von Wolff-Ekkehard Stein und Wolfgang Jass, den eigentlichen Machern der Goombay Dance Band, strandete auf einem schmachvollen Platz Neun ? ?Dschingis Khan? war mit einem musikalisch ähnlichen Gebräu aus Disco, Pop und Schlager in aller Munde, Tony Holiday fuhr zurück nach Hamburg und war wiederum vergessen. Doch Stein und Jass gaben den Sänger nicht auf. Nachdem die von ihnen protegierte Goombay Dance Band mit ?Sun of Jamaica? den Einstiegshit in die 80er Jahre abgeliefert hatte, den alle Popfans, alt wie jung, groß wie klein, Strauß- wie Schmidt-Wähler, landauf, landab mitsangen, erteilte das Produzentenduo Tony Holiday das Recht, eine deutsche Version des Südseeschlagers zu schreiben und aufzunehmen. Und siehe da: Im Frühjahr 1980 stürmte Holiday mit ?Nie mehr allein sein?, seiner Fassung des Goombay-Dance-Hits, bis auf Rang 15 der deutschen Singlehitlisten, verblieb acht Wochen lang in den Top 20 und ließ bei Dieter Thomas Heck am 19. Mai 1980 die Konkurrenz weit hinter sich. So hatte sich das seinerzeit sehr angesehene Phänomen der ?Deutschen Originalaufnahme? ? ein einheimischer Schlagersänger verbindet einen internationalen Pophit mit einem muttersprachlichen Text ? für Tony Holiday wiederum als überaus erfolgversprechend erwiesen. Was das Original ?Sun of Jamaica? im kalten Winter 1979/80 dargestellt hatte, bedeutete Tonys deutsche Bearbeitung dessen im darauffolgenden Sommer: einen gefeierten Hit zum Mitsingen und Mitträumen. Statt sich jedoch weiterhin in den internationalen Charts umzusehen, um eventuell einen anderen Ohrwurm darin zu finden, den es lohnte, in bundesrepublikanischem Kontext einzusingen, folgte im Herbst 1980 die seichte Betroffenheitsballade ?Auf dem Weg zum großen Glück? ? komponiert von einem Herrn namens Detlev Reshöft, der bis heute durch unzerstörbare Unbekanntheit glänzt. So war Tony Holiday wiederum der Vergessenheit anheim gefallen, zumal er offenbar annahm, mit eher ernsthaften Popballaden und Entertainmentqualitäten seine Karriere fortführen zu müssen. Im Sommer 1981 folgte die großorchestrale, durchaus intelligent arrangierte Fast-Rockballade ?Requiem für Sally?, in ihrem ureigenen Stil komponiert von Hanne Haller, verbunden mit einem sehr gehaltvollen Text aus der Feder Bernd Meinungers. Elitäre Popsongs mit Aussagekraft und Tiefgang wollte jedoch niemand hören von einem Sänger, der nur zwei Jahre zuvor von orgiastisch stöhnenden Frauenchören untermalte Textzeilen der Art ?Wenn die Show erst beginnt / und die Bongo erklingt / das ist schön / jede Nacht / wird nur Bum-Bum gemacht? schmetterte… Ergo besann sich Tony Holiday für seine nächste Single ein weiteres Mal auf das, was sich bisher für ihn als am erfolgreichsten erwiesen hatte. Im August 1981 zogen die sympathischen, aus Holland stammenden ABBA-Plagiatoren von Maywood mit einem südamerikanisch (sic!) angehauchten Schunkelpopsong namens ?Rio? bis auf Rang 22 der deutschen ?Top 75? ? Holiday schrieb dazu einen deutschen Text… am 12. Oktober 1981 landete er mit ?Rio (de Janeiro)? in der ?ZDF-Hitparade? und zog einen Monat später letztmalig in seinem Leben in die hiesigen Singlecharts ein.
Peppig, ohrwurmträchtig und professionell zeigte sich die daran anschließende Kooperation mit dem jungen Dieter Bohlen, der 1981 bis 1983 mehrere Lieder für Tony Holiday schrieb bzw. produzierte. So z.B. die sentimental-romantische Liebesballade ?Die selben Sterne leuchten auch für Dich? (1981) oder das verdammt an Hannes Schöners Hitschlager ?Nun sag schon Adieu? gemahnende ?Das sagt sich so leicht? (1983) ? eingängige Popsongs mit Niveau, Schlager zwar, aber weitaus tiefsinniger als ?Bum-Bum-machen?, Trinklieder auf ?Rosy Rosy? oder ins Peinliche abdriftende Samba-Adaptionen. Aber auch mit dieser stilistischen Option konnte Tony Holiday, der zunehmend alle Texte, die er sang, vollständig selbst verfaßte, keinen Blumentopf gewinnen. Eine sehr gelungene deutsche Einspielung von Alices erfolgreichem Italochanson ?Une Notte Speciale? unter dem Titel ?Darf ich der erste sein? fand im Sommer 1982 ebenfalls keine Beachtung. Holiday wechselte daraufhin von Polydor zu Metronome, nahm dort die schmählich untergegangene Synthipopsingle ?Die Karawane von Marrakesch? (1983) auf, bevor im Sommer 1984 sein letztes musikalisches Lebenszeichen ?Urlaubsreif? ? eine von Puristen zutiefst verachtete deutsche Version von Jimmy Cliffs Sommerhit ?Reggae Night? ? zu einem Auftritt bei Dieter Thomas Heck und einer passablen Anzahl von Radioeinsätzen führte.
Bald darauf erfuhr der homosexuelle Sangeskünstler, daß er sich mit dem AIDS-Virus infiziert hatte, und zog sich daraufhin aus der Öffentlichkeit zurück. Der Rezensent erinnert sich an eines der letzten Male, als Tony Holidays Name durch die Presse schwirrte: 1986 beschloß die SPD-geführte Hamburger Landesregierung eine deutliche Erhöhnung der Hundesteuer; Tierfreunde CDU- und F.D.P.-Politiker organisierten eine Protestdemonstration gegen dieses Vorhaben, an der auch Hundenarr Tony Holiday teilnahm.
Am 14. Februar 1990 starb Tony Holiday einsam und vergessen, wenige Tage vor seinem 39. Geburtstag. Als nur wenige Jahre später das fundamentale Schlagerrevival erwachte, jede bessere Diskothek wenigstens einmal pro Monat umjubelte Partys mit deutschen Klassikern der 70er und 80er Jahre zelebrierte, entsann man sich auch manchem der auf vorliegender CD versammelten Gassenhauer. Selbst beim Hamburger ?Schlager-Move? vor rund drei Wochen verzichtete keiner der rund 40 durch St. Pauli ziehenden Wagen darauf, mindestens einmal ?Tanze Samba mit mir? über die Reeperbahn dröhnen zu lassen.
Aus der Zeit des erstmaligen Erscheinens heraus betrachtet, mögen viele Holiday-Songs unausgegoren, plump und ohne jegliche einheitliche Linie erstellt wirken. Heutzutage gelten genau diese auf den ersten Blick so seichten Nummern längst als Kult. Schade, daß es der sympathische Sänger nicht mehr erleben konnte, daß seine Lieder ? von denen 2004 keiner mehr weiß, ob er selbst sie überhaupt jemals ernst genommen hat ? sogar die In-Clubs dieser Republik durchziehen. KOCH/Universal sei aus historischer Sicht heraus sehr gedankt, daß sie ihre Archive geöffnet und - allerdings leider nicht chronologisch geordnet (was bei Holidays stetem Stilwechsel sehr von Nachteil ist) ? 18 fetentaugliche Singles auf einer 66minütigen CD zusammengestellt hat, die dem musikgeschichtlich interessierten Zeitzeugen zumeist genauso ein leichtes, durchaus länger andauerndes Lächeln auf die Lippen zaubert wie der nachgeborenen Schlagerparty-Jugend!
Gesamtwertung ? Musik: 3 bis 3minus
Historischer Wert: ganz klar: 1
(Holger Stürenburg, 21./22. Juli 2004)

Artikel vom 31. Juli 2004

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