Tommy Steiner - Die Größten Hits
Am 25. April 1983 trat ein schmächtiges Kerlchen in einem grauslich grell orangen Pullover erstmals in der ?ZDF-Hitparade? auf. Kaum 21 Jahre alt, war der aus dem württembergischen Aalen stammende BWL- und Jurastudent Karl-Heinz Steiner auf einem Gesangswettbewerb von Produzent Jürgen Kramer entdeckt worden. Dieser versuchte daraufhin, den eigentlichen Elvis-Fan Steiner in der 1982/83 prächtig blühenden Romantik-Schlager-Szene zu etablieren, die in gewisser Hinsicht als bürgerlich-gediegene Antwort auf die Neue Deutsche Welle (NDW) zu verstehen war und von jungen Talenten wie Andy Borg, Andreas Martin, Christian Franke oder Nino de Angelo von Erfolg zu Erfolg geleitet wurde. Der gutaussehende Nachwuchssänger mit der fröhlich-einschmeichelnden Stimme legte den sperrigen Vornamen ?Karl-Heinz? ab und nannte sich fortan Tommy Steiner. Als dessen erste Single war ein sehnsüchtiger Sommer-Sonnen-Südseeschlager ausgesucht worden, den der Wiener Jungspund Andy Borg - von nun an jahrelang einer der härtesten Konkurrenten für Tommy ? bereits zugunsten seines Ende 1982 erschienenen Debütalbums ?Adios Amor? eingesungen hatte. ?Die Fischer von San Juan?, eine der letzten gemeinschaftlichen Kompositionen des legendären Schlagerteams Tex Schultzieg/Kurt Feltz, entstanden kurz vor Feltz? Tod im Sommer 1982, war jedoch niemals eine Single des pummeligen Österreichers. Ergo nahm Produzent Kramer den Ohrwurm zur Hand und ließ seinen Schützling Tommy Steiner eine neue Version dessen aufnehmen, die ihren schüchternen Interpreten 1983 nicht nur umgehend auf den zweiten Platz der oben genannten April-Ausgabe der ?ZDF-Hitparade? führte, sondern zugleich ? und dies ist mitten zu Hochzeiten der schrillen NDW-Popspielereien durchaus als kleine Sensation aufzufassen ? auf den 13. Rang der offiziellen deutschen Singlecharts. ?Hitparaden?-Conferencier Heck erzählte, der knabenhafte, brünette Aalener sei am Abend des 25. April 1983 ein ums andere Mal über das weitläufige Gelände der Berliner Unionfilm-Studios gehastet und habe ihn, Heck, immer wieder gefragt, ob es denn tatsächlich wahr sei, ob er wirklich mit ?Die Fischer von San Juan? namhafte Kollegen wie die bekannten NDW-Protagonisten Hubert Kah und Frl. Menke oder den friesischen Bluesbarden Hans Hartz hinter sich gelassen und den zweiten Rang der Monatsendauswertung erzielt habe…
Seitdem ist viel Wasser die Spree, die Elbe oder ? um in der Nähe von Tommys Geburtsstadt zu bleiben ? die Kocher herabgeflossen. ?Das Märchen von Rhodos? (1983), ?Das ewige Feuer?, ?Wenn Dein Herz Dir nicht sagt?, ?Der Morgen danach? (alle 1984), ?Märchenland?, ?Der Stern von Korsika? (1985), ?Parlez-Vous Francaise?, ?Jennifer? (1986) ?Insel im Wind? (1988) oder ?Es ist ein Wunder geschehen? (1989) hießen weitere, zumeist überaus erfolgreiche romantische Popschlager des sympathischen Württembergers, bis sich dieser Anfang der 90er vorübergehend vom aktiven Musikerdasein zurückzog und sich statt dessen der Schauspielerei widmete bzw. für angesehene Kollegen wie z.B. Michelle oder Leonard zur Feder griff und diesen Lieder auf den Leib schrieb. Eigene Produktionen erschienen nur noch sporadisch und wurden oft nur von ganz wenigen Hardcore-Fans wahrgenommen. Nach dem Millennium unterzeichnete Steiner, der inzwischen in erster Linie als Komponist, Texter, Produzent und Verleger tätig war, einen neuen Kontrakt bei der auf Schlager, Deutschpop und Volkstümliches spezialisierten, in Martinsried bei München ansässigen Firma KOCH/Universal. Dort veröffentlichte Tommy Steiner drei CD-Alben, deren beste und beliebteste Beiträge soeben für die mit 21 Titeln wahrhaft proppevolle Best-of-Koppelung ?Die Größten Hits? zusammengestellt wurden, die am 17. Februar 2006 auf den Markt kommt und ein weitgehend positives Resümee der vor kurzem in gegenseitigem Einvernehmen beendeten Zusammenarbeit zwischen dem heute 43jährigen Showstar und der oberbayerischen Company zieht. ?Komm in meine Arme? (2002), ?Liebesrausch? (2003) und ?Wilde Jahre? (2004) hießen die Arbeiten, denen ?Die Größten Hits? nun Referenz erweist.
Ein Fall für die Verkaufscharts war Tommy Steiner schon seit langem nicht mehr. Dafür aber stürmte er, gerade in der jüngsten Vergangenheit, in steter Regelmäßigkeit die bundesdeutschen Radiohitparaden mit seinen meist selbstgeschriebenen Popschlagern, die nahezu ausnahmslos über eine sehr eingängige Melodie, einen tanzbaren, aber nicht allzu aufdringlichen Rhythmus und eine gefühlvoll-sehnsüchtige Betextung verfügen. So führte der swingende Popohrwurm ?Es ist Sommer? in ebendieser Witterungsperiode des Jahres 2002 wochenlang die Radiocharts ?Deutscher Schlager? und ?Konservativ? unangefochten an; davor hatte die liebevolle, eher balladeske, auf sachter Gitarrenbasis gehaltene Ode auf ?Julia? im einheimischen Rundfunk ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen. Ein Jahr darauf wurde der Mid-Tempo-Schlager ?Und wenn tausend Träume sterben? aus Tommys 2003er-Werk ?Liebesrausch? ausgekoppelt und kam ? obgleich er im Refrain überdeutlich an Dirk Buschs legeres Popchanson ?Du bist keine Mona Lisa? erinnert ? sehr häufig im Radio zum Einsatz. Letztes Jahr schließlich wuselte der freche Disco-Fox-Reißer ?Ich will Sommer? die Radiohitlisten durcheinander, entnommen dem über weite Strecken sehr nachdenklich und ernsthaft geratenen KOCH-Album Numero Drei, ?Wilde Jahre?. Von der Machart her ähnlich ausgerichtete, kurzweilige Albumsongs aus allen drei genannten KOCH-Produktionen, angesiedelt zwischen Schlager, Pop und leichten Disco-Fox-Anleihen, bestimmen die fast 75 Minuten von ?Die Größten Hits?: So z.B. die herzliche Aufforderung ?Laß uns lieben? (2003), die wiegende, 50er-Jahre-beeinfußte Edelschnulze ?Grenzenlos zärtlich? (dto.) bzw. die rasanten, aufmunternden Tanzsaalfüller ?Komm in meine Arme, Kleine? (2002), ?Wie kannst Du denn einfach so von mir gehen? (2004), ?Ich fühl mich wohl in Deinem Leben? (2003 ? hat nichts mit Roland Kaisers gleichnamiger 1984er-Ballade zu tun!), der schnittige Romantik-Popper ?Wein Dich bei mir aus? (2002) oder der locker-flockige Discoschlager ?Was ich Dir noch sagen wollte?, der entfernt an den hibbeligen Spät-80er-Pop aus dem Hause Stock/Aitken/Waterman gemahnt.
Ruhige, nächtlich schleichende Balladen (?Im Liebesrausch?, 2003), nicht uninteressante Mixturen aus Chansonangehauchtem und Volkstümlichem (?Schön, daß Du bei mir bist?, 2002), gar gehobener Großstadtpop im Sinne eines Andreas Martin, mit einem knarzenden Saxophon verfeinert (?Wilde Jahre?, 2004), oder fetzige, verspielte Boogie-Woogie-Anklänge (?Zehn mal täglich?) tragen pfundige stilistische Abwechslung in das ansonsten recht konventionelle Schlagerrepertoire des Wahl-Münchners, der seit einiger Zeit einmal pro Monat in Frankfurt/Main eine gutbesuchte Kultschlagerparty veranstaltet und nicht selten selbst dort ein paar seiner Lieder anstimmt. Unnötig pathetisch und betroffen wird?s dagegen im ungewohnt stillen, in sich gekehrten Pseudo-Protestsong ?Lieber Gott? (2004); simple Melodiechen, mit hundertfach zuvor gehörten Tralala-Liebesreimen versehen ? z.B. ?Du liebst mich? (2002), ?Ich denk an Dich? (2004) oder ?Dann ist das Liebe? (2002) -, verbleiben zudem im konsequenten Mittelmaß und versprühen nichts Eigenständiges, Aufregendes, Mitreißendes. Eine rhythmusbetonte Neuabmischung von Tommys Einstiegshit ?Die Fischer von San Juan? und ein vierminütiger Hitmix, bestehend aus dessen Hitparadenstürmern der kühlen Dekade, runden eine nette, freundliche, stets stimmungsvolle Schlagerkollektion ab, deren Titel ?Die Größten Hits? allerdings etwas in die Irre führt. Denn die wahrlich bedeutungsvollsten Songs seiner Karriere lieferte Tommy Steiner, wie eingangs erwähnt, nun mal in den 80er Jahren ab. Die Mehrzahl derer erschien seinerzeit bei der einstigen Hamburger Plattenfirma POLYDOR ? und eben jener POLYDOR-Katalog wird längst von KOCH/Universal verwaltet. So wäre es für die Macher von ?Die Größten Hits? sicher ein Leichtes gewesen, zusätzlich zu vorliegenden aktuellen Schmankerln, ein paar ultrarare, bei Sammlern und 80er-Freaks heißbegehrte, weil seit Jahren nur noch im Zweite-Hand-Spektrum, teils ausschließlich auf Vinyl, erhältliche Perlen aus des gebürtigen Aaleners phänomenaler Frühphase der ansonsten keineswegs mißlungenen Silberscheibe hinzuzufügen, um auf diese Weise dem hochtrabenden Titel der CD ohne Übertreibungen gerecht zu werden ? denn ein realer ?Hit?, der es womöglich in höhere Sphären der Singlecharts geschafft hätte, ist auf ?Die Größten Hits? nirgendwo zu vernehmen!
Gesamtwertung ? Musik: 2-3
Gesamtwertung ? Zusammenstellung: 4
(Holger Stürenburg, 30./31. Januar 2006)
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