?Einmal werden Träume wahr?… prophezeite die Hamburger Popband ?Felix de Luxe? vor knapp 20 Jahren auf ihrer LP ?Männer wie wir?. Selbstverständlich wird jeder von uns sein ganzes Leben lang verschiedene Wünsche und Träume durch seine Gedankenwelt spazierengehen lassen, deren Realisierung er sich so sehnsüchtig erhofft. Der Traum eines jeden Musikfreundes, Schallplattensammlers oder Schlagerhistorikers schlechthin ist es, seine langgesuchte, extrem rare, weil schon zig Jahre alte Lieblingsplatte aus den unbeschwerten Tagen der Jugend irgendwo auftreiben zu können. Deshalb geht der unverbesserliche Popfan häufig auf Schallplattenbörsen, Flohmärkte, in Zweite-Hand-Läden, schaut bei ?E-Bay? oder ?Amazon? im Internet…. Wenn er übergroßes Glück hat, sieht er eines Tages tatsächlich seine Lieblingsscheibe; vielleicht total abgespielt, zerkratzt, gänzlich unbrauchbar und/oder ausschließlich zu einem unerschwinglichen Preis angeboten. So gibt es alte Schallplatten, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, die im Grunde genommen nicht mehr wiederhol- bzw. wiederhervorholbare Geschichte markieren. Nicht wenige Sammler haben es daher längst aufgegeben, nach dem einen oder anderen langersehnten Vinyl-Schmankerl aus ferner Vorzeit Ausschau zu halten.
Viele, viele Schlageranhänger werden jedoch große, ungläubige Augen machen, in stillen Jubel verfallen oder gar brachiale Freudengesänge anstimmen, wenn sie vom neuesten Coup des Medienriesen SONY-BMG erfahren. Denn die Münchener Company hat soeben ihre brandaktuelle Aktion ?Schlagerfrühling 2006? gestartet, im Rahmen derer (vorerst) sechs lange verschollene Klassiker des deutschen Schlagerliedguts erstmals seit Entstehen dieses Formats auf CD gepreßt wurden. Es handelt sich dabei um ein halbes Dutzend überwiegend interessanter Schlageralben, die selbst ein radikaler Flohmarktgänger (wie der Rezensent einer ist), der seit über zehn Jahren Wochenende für Wochenende einen Trödelmarkt nach dem anderen nach raren LPs durchforstet, beinahe vollständig abgeschrieben hat; womöglich hat er zwischenzeitlich mit Wehmut akzeptiert, die auf jenen sechs Tonträgern versammelten Lieder niemals mehr zu hören, geschweige denn, sie seinem heimischen Poparchiv hinzufügen zu können.
Die Verantwortlichen dieses lobenswerten Projekts haben dafür ein paar reale Perlen aus ihrem umfangreichen Katalog zusammengesucht, mit deren ? zumal originalgetreuer ? Wiederaufbereitung sie den immer noch zuhauf vorhandenen Liebhabern des deutschen Schlagers der 70er Jahre eine immense Freude bereiten. Schon seit Weihnachten geisterte das Gerücht durch die Schlagerwelt, in Bälde würden tief verborgene Schätze aus dem unergründlichen Ariola-Archiv ihre Auferstehung feiern. Niemand wußte genaueres, fest stand nur, daß das auf Plattenbörsen mit bis zu 80/100 Euro dotierte Debütopus des einstigen Kinderstars Juliane Werding unter den ausgewählten Wiederveröffentlichungen sein würde. ?In tiefer Trauer? erblickte in Vinyl-Form 1972 das Licht der (wie man bei genauerer Betrachtung der darauf gejammerten Texte eingestehen muß) furchterregenden, grausamen, kalten, erzkapitalistischen Welt. Alleine die Tatsache, daß eine gerade 16jährige Teenagerin mit hübschen, aber traurigen Augen ihre Debüt-LP ?In tiefer Trauer? nannte, auf dem Cover eine überdimensionale, schwarzumrandete Todesanzeige abbildete und sich zu allem Überfluß von ihrer Plattenfirma mit dem Slogan ?Ein 16jähriges Mädchen singt für eine bessere Welt? anpreisen ließ, verdeutlicht, daß man über 30 Jahre später die zwölf zwischen krudem Hippie-Folk, Chanson, Country und schwermütiger Ballade angesiedelten Winseleien ausschließlich aus der Zeit ihrer Entstehung heraus betrachten kann, weil sonst beim Hörer garantiert ein stetiges Grinsen und Feixen einsetzt, je mehr Klein-Juliane die in Gänze von ?Hansa?-Hausdichter Hans-Ulrich Weigel betexteten Protestschnulzen vor sich hin wimmert. ?Am Tag, als Conny Kramer starb?, eine nicht unglückliche deutsche Version des Joan-Baez-Klassikers ?The Night, they drove old Dixie down?, führte 1972 wochenlang die deutschen Charts an und etablierte ihre blutjunge Interpretin umgehend als gefragten Schlagerstar ? wie man so schön sagt - mit Anspruch und Problembewußtsein. Unbotmäßiger Drogenkonsum hatte den schnieken Hippiebuben Cornelius K. dahingerafft, so daß Juliane in beinahe allen Nummern ihres LP-Einstandes auf die tödlichen Folgen der Rauschgifteinnahme hinwies ? ob diese ?Message? nun zum Rest des Liedtextes paßte oder nicht. ?Hunger und Haß?, ?erstickte Todesschreie?, ?Cholera und Monsun? oder `tötende und sterbende Soldaten? bieten den geradezu Heul- (wenn nicht gar viel eher Lach-)krämpfe auslösenden Inhalt des weiteren Joan-Baez-Covers ?Bangla-Desh? (?Song of Bangladesh?): Soviel Schwarzseherei, Negativformulierungen und gelebte Betroffenheit auf einmal schafften zu späterem Zeitpunkt nicht einmal Holland-Jammerbarde Robert Long in den 80ern bzw. die plüschigen Minderheiten-Popper ?PUR? in den 90ern in einem einzigen Song unterzubringen. Gesundheitsschädigende Nebenwirkungen von radikalkapitalistischem Leistungsdruck (?Mach Dich nicht kaputt?), verschlüsselte Aufrufe zur Jugendrevolte (?Danke, Freunde!?), scheinbar persönlichkeitshemmende Pubertätsnöte (?Fünfzehn ist ein undankbares Alter? ? Udo Jürgens sähe dies sicher anders… der Verf.), durch inhumane Großunternehmer und ?militärisch-industriellen Komplex? herausgeforderte kriminelle Karrieren bedauernswerter Vorstadtversager (?Ein morscher Baum trägt keine guten Früchte? ? zur Musik von Barry McGuires Weltuntergangsdrama ?Eve of Destruction?), böse Ölkonzerne, die zwar keine Heuschrecken, dafür jedoch den ?letzten Kranich vom Angerburger Moor? vertreiben, obskure Vorstellungen von der ?Freiheit, die ich meine? (Textzitat: ?Ein Parkplatz, auf dem Kinder spielen… Ein Polizist mit langen Haaren… Ein Gespräch mit alten Leuten im Bus?…) oder die schleichende Computerisierung der Gesellschaft (?Der Computer macht alles?) ? Grau in Grau muß es seinerzeit in der ?BRD? ausgesehen haben, wenn man Frl. Werdings gesungener Depression Glauben schenken darf. Denn positive Aussagen, hoffnungsvolle Zukunftsaussichten, das sprichwörtliche ?Licht am Ende des Tunnels? sind in den penetrant auf kindliche Unschuld getrimmten Pseudo-Protesthymnen selbst in kleinsten Nuancen nicht zu verspüren. Die knapp dreiviertelstündige CD endet mit dem Allzeithit über das grausige Schicksal Conny Kramers, der heutzutage übrigens weniger Heulen und Zähneknirschen, denn munteres, kultvolles Mitgrölen auf dem ?Schlager-Move? verursacht und zweifelsohne bis in die Jetztzeit hinein als vielzitiertes Standardwerk deutscher Popmusik gilt, so daß die berühmt-berüchtigte Hamburger Punkcombo ?Die Goldenen Zitronen? den Klassiker 1987 hinsichtlich des allbekannten, bitterst polarisierenden Sangesknaben von ?Modern Talking? zu ?Am Tag, als Thomas Anders starb? umdeutete, während drei Jahre zuvor in des Rezensenten neunter Klasse zuungunsten einer unansehnlichen und äußerst langweilig unterrichtenden Lateinlehrerein stimmbrüchig geröhrt wurde ?Am Tag, als Frau Dr. S. starb (und alle Schüler sich freuten)?…
Vier Jahre nach 1968 hatte ?In tiefer Trauer? für die aufgewühlte, haschischvernebelte, dauerdemonstrierende Jugendlichkeit sicherlich seine Berechtigung gehabt. Textdichter Weigel vermochte es vorzüglich, nahezu jede einzelne Liedzeile zu einem politischen Statement auszugestalten; die schüchtern-verträumte Juliane eignete sich ebenso hervorragend, diese naiv-kindliche Sichtweise, wie mies die Welt doch in Wirklichkeit sei, ehrlich und ungekünstelt auf den Punkt zu bringen. Bürgerliche Anhänger von Rainer Barzel oder Franz Josef Strauß dürften ergo in jenen Tagen trotz massiv linkslastiger Reime viel eher Julianes liebenswertem Charme erlegen sein, als ihre anpolitisierten Schmonzetten als barsche sozialistische Propaganda zu tadeln; für Linksradikale und Revoluzzer aller Schattierungen werden diese Lieder vermutlich viel zu undogmatisch und schöngeistig gewesen sein, um der 16jährigen Schülerin vielleicht die Ehrenmitgliedschaft in der ?SDAJ? angetragen zu haben. ?In tiefer Trauer? trifft den Zeitgeist der beginnenden 70er mitten ins Herz, stellt somit letztendlich musikalischen Geschichtsunterricht dar. Für heutige Verhältnisse aber wirken die meisten Songs wie am Reißbrett entworfen und auf Teufel komm raus als ?kritisch? verbraten, so daß sie aller Voraussicht nach nur noch als parodistischer ?Trash-Faktor? wahrgenommen werden.
Eine dem vollkommen entgegengesetzte Sicht der Dinge, verbreitete das norwegische Energiebündel Wencke Myhre auf seiner 1977 entstandenen LP ?So bin ich?, für das die quirlige Entertainerin zwölf mal mehr, mal weniger bekannte internationale Schmankerl aus den Schubladen Country, Chanson, einwenig Samba und leichten Soulanleihen in deutscher Sprache aufgenommen hatte. Der frech, kecke Schlagerpopper ?Eine Mark für Charlie? erwuchs daraus zu einem der größten Hits in Wenckes künstlerischer Laufbahn. Doch auch die anderen Beiträge auf ?So wie ich? ? natürlich dieser Tage gleichsam erstmalig als Silberling erhältlich ? können sich ohne Frage hören lassen: Etwa ?Sommernacht?, die gekonnte deutsche Fassung von Glen Campbells US-Hit ?Southern Nights?, der im Original von Countryrocker Eddie Rabbit geschriebene Ohrwurm ?Bleib doch über Nacht heut Nacht?, nicht weniger sympathisches Countrygeplänkel a`la ?Einen Mann, wie Dich, halt ich nicht länger aus?, ?Es liegt nun in Deiner Hand? oder ?Trotz alledem bist Du mir die Erfahrung wert?, bläsergetriebener, zickiger Soulpop aus der Feder des legendären Komponistenteams Jerry Leiber/Mike Stoller (?Tingel-Tangel?) kesser 70er-Jahre-Schlager (?Noch fünfundvierzig Minuten?, ?Don Pedros Hochzeitsnacht?) oder das autobiographische Heimatchanson ?In Oslo steht ein Haus? sind keineswegs von schlechten Eltern. Sogar Stevie Wonders hypereingängiger Tophit ?Sir Duke? erweist sich nicht als zu abgehoben, zu mondän, zu ?schwarz? für die 2006 weiterhin aktive skandinavische Showgröße. In ?Die Musik läßt uns leben?, einer properen deutschen Version dessen, legte Wencke frühzeitig Zeugnis darüber ab, daß ihr selbst Swingendes und Jazziges keinerlei Probleme bereitet. ?So bin ich? ist folglich ein traditionelles Schlageralbum mit Ecken und Kanten, facettenreich und vielfältig, das in erster Linie durch Wencke Myhres kraftvolle, energetische Gesangsweise an Wert zulegte, die manch lyrische Peinlichkeit oder übertriebene Heiterkeit passabel ausgleicht. Schön, aber nicht zwingend notwendig, war die Ausgrabung der 40-Minuten-Scheibe im CD-Format.
Übermäßig gedämpft, betulich, in Tempo und Lautstärke sehr zurückhaltend rieselt Wiederveröffentlichung Numero Drei aus den Boxen. Das LP-Debüt des Hildesheimer Schlagersängers Bernd Clüver, ?Der Junge mit der Mundharmonika?, kam in seiner Urform kurz nach Jahresbeginn 1973 auf den Markt und wartete mit einer von Peter Orloff produzierten und größtenteils auch geschriebenen Liederkollektion auf, deren einschmeichelnder Titelsong nicht nur siegreich die ?ZDF-Hitparade? des Dieter Thomas Heck verließ, sondern zugleich auf den ersten Rang der Verkaufscharts schoß und am 10. April 1973, passend zum 25. Geburtstag ihres Interpreten an jenem Tage, für 500.000 verkaufte Exemplare Gold verliehen bekam. Das darauf aufgebaute, gleichnamige Album präsentiert zumeist (zu) stille Balladen, die im Heute vor allem durch ihre pathetisch-schwülstige, gezwungen literarisch-superb ausgerichtete Betextung auffallen ? und dies nicht zuvorderst positiv. ?Was wird aus einer verlorenen Liebe?, ?Ein Stern ging auf?, ?Mandoline?, ?Phantasie? oder ?Leere Schatten an der Wand? sind keineswegs unsympathische Schlagerchen, deren von Clüver süßholzraspelnd gehauchte Reime jedoch in den meisten Fällen allzu dick aufgetragen, wenn nicht gar aufgedunsen-hypertroph wirken. ?Der Raum des Schweigens? basiert auf Simon & Garfunkels Welthit ?The Sound of Silence?, besteht aber inhaltlich fast gänzlich aus hohlen, möchtegern-philosophischen Phrasen (?Die vielen Fehler sind ein Mann / Der alles will und gar nichts kann / Voller Regen sind die Augen schwer / Er will weinen, doch er kann nicht mehr…?). Der wiegende, bläsergetriebene Popblues ?Sie kommt wieder? fungierte 1971, kurz nach seiner Entdeckung in der Fernsehshow ?Talentschuppen? auf der Berliner Internationalen Funkausstellung, als erste 45er des damaligen Jurastudenten; der große Durchbruch gelang diesem allerdings erst ein Jahr später mit jenem gemächlichen, einlullenden Märchen vom ?Jungen mit der Mundharmonika?. Drei Monate, nachdem er damit die Topposition der hiesigen Singlecharts eingenommen hatte, folgte eine zweite Auskoppelung, die da lautete ?Der kleine Prinz (Ein Engel der Sehnsucht heißt)?, von manchem Musikwissenschaftler als latent homoerotische Phantasie eingeschätzt wurde, erneut Platz Eins der Singlehitlisten erklomm und insgesamt 18 Wochen unter den ersten Zehn bestverkauften Platten in Deutschland verharren konnte. ?Alles, was sie will?, der Ideenwelt von Produzent und Clüver-Entdecker Peter Orloff entsprungen, erinnert von Art und Aufmachung her fatal an Peter Maffays Schnulzenerstling ?Du?, der zum selben Zeitpunkt gleichfalls aus dem Stall Peter Orloffs den Weg in die höchsten Chartregionen dieses unseren Landes ansteuerte. Als qualitatives Highlight ist die 40minütige CD ?Der Junge mit der Mundharmonika? in keinem Falle einzustufen. Sie bietet zwei Tophits der frühen 70er Jahre auf, die von dahinplätscherndem, nichtssagenden Pop-Mittelmaß umgeben sind: Eindeutig die unnötigste Neuauflage innerhalb der sechsteiligen CD-Serie unter dem Motto ?Schlagerfrühling 2006?.
?Fiesta Mexicana?, Rex Gildos Top-5-Hit aus dem Jahre 1972, entpuppte sich für seinen Interpreten als Segen und Fluch zugleich. Zwar gelang dem 1999 verstorbenen Entertainer aus München damit ein unvergeßlicher Evergreen, der besonders seit den 90er Jahren nachgewachsenen Partyfreaks Dank seines grell-hüpfenden ?Hossa! Hossa!?-Intros als kaum zu überbietender Kultsong gilt, andererseits wurde der Sänger in den letzten Jahren seines Lebens, die er nicht mehr auf den großen Bühnen dieser Welt verbrachte, sondern hauptsächlich auf Kleinstadtfesten und Autohaus-Eröffnungen, fast vollständig darauf reduziert. Was der einstige ?Regensburger Domspatz? ab Mitte der 80er auch alles an neuen Liedern veröffentlichte, das Publikum war daran in keinster Weise interessiert. Rex blieb der ewig strahlende ?Hossa?-Clown, was ihn zunehmend deprimierte, so daß bald Gerüchte über Alkohol- und Tablettensucht des früheren Schlagerkönigs auftauchten, bis sich dieser im Oktober 1999 aus niemals geklärten Gründen aus dem Fenster seiner Münchener Wohnung stürzte. ?Fiesta Mexicana?, geschrieben von Schlagermogul Ralph Siegel und Michael Holm, war der Aufhänger von Gildos allererstem Ariola-Album überhaupt, ?Mein Autogramm?, das nun ebenfalls eine wichtige Rolle in der Aktion ?Schlagerfrühling 2006? spielt. Die zwölf Songs des rund 37minütigen Werks mögen vor 34 Jahren das bürgerliche, nicht ?Willy-wählende? Deutschland zu regelrechten Begeisterungsstürmen hingerissen haben, heutzutage vermitteln die meisten Lieder einen eher skurrilen bis spaßigen Eindruck. Denn Gildo hatte damals nicht nur opulente Schlager gehobener Güteklasse, wie etwa die ebenso von Ralph Siegel ersonnene Abschiedshymne ?Mit gebundenen Händen? oder das großorchestrale Chanson ?Einsamkeit vergeht zu zweit? bzw. nette, zeittypische Früh-70er-Popper (?Monte Christo?) im Programm, sondern gleichzeitig recht simple Trinklieder (?Prost, Skal, Salute?) dümmliche Sowjet-Romanzen (?Russisch Roulette?) oder fragwürdiges, wenn auch sanft rockendes Seemannsgarn über zu Volkshelden avancierte Piraten (?Mighty Joe?). Schnulzig-tränendrüsendrückend verabschiedete sich das damalige Teenageridol, das bereits seit 1960 die einheimischen Hitlisten durcheinanderwirbelte, mittels der sämigen Folkballade ?Hey, hey, Good Morning, Mama? von seinem Elternhaus, nicht weniger rührselig, etwas mediterran angehaucht, heulte er in ?Keine war wie Du? einer offenbar historisch singulären, verflossenen Schönen hinterher. Niedlich, locker und anregend dagegen: des schwarzhaarigen Wunsch-Schwiegersohns diffizile Beschreibung seiner hauseigenen Eisenbahnanlage (?Mein Land ist aus Pappe gebaut?) oder der freundliche Ragtime über die Stummfilmidole ?Stan & Olli? (alias ?Dick & Doof?). ?Mein Autogramm? mag eines der erfolgreichsten und begehrtesten Langspiel-Produktionen von Rex Gildo gewesen sein ? wobei zur Erreichung dieses Status zuallererst der dauerfröhliche Singleknaller über die mexikanische Fete beitrug -, seine besten, ausdrucksstärksten Songs finden sich darauf nicht. Sammler und Musikchronisten jubeln zweifellos über vorliegende CD-Neuauflage, Schlagerparty-D.J.`s erhalten trashiges neues Material für ihre Sets in der Dorfdisco; für den Rest der Welt bleibt ?Mein Autogramm? allerdings völlig unerheblich.
Stilistisch ähnlich aufgebaut, aber nahezu ausnahmslos von Ralph Siegel komponiert und produziert, was dem ganzen ein (im wahrsten Sinne des Wortes) reales Güte-Siegel verabreicht, ertönt Chris Roberts` Anfang 1974 erstmals erschienene LP ?Du kannst nicht immer 17 sein?. 1966 hatte der in München-Schwabing geborene Sunnyboy seine erste (englischsprachige) Platte eingesungen, aber rockenden Beat wollte niemand von ihm hören, so daß er vollends ins Schlagerfach wechselte und in diesem Spektrum eine Vielzahl unvergessener Mitklatsch-Hits erzielen konnte. 1973 jedoch geriet die Karriere des Konrad-Adenauer-Anhängers kurzzeitig ins Stocken, so daß er seinen Plattenvertrag mit Polydor aufkündigte und zu Ralph Siegels soeben ins Leben gerufenem Label Jupiter Records wechselte. Dieser Schritt sollte sich für beide gehörig auszahlen: Der Firmengründer startete seine neue Leidenschaft als Geschäftsmann sogleich mit einem Topkracher; der brünette Sänger landete mit dem Titelsong der nun ebenfalls neuaufgelegten Scheibe einen profunden Top-3-Reißer, der insgesamt zwölf Wochen in den deutschen Top 10 verweilen konnte. Während Rex Gildo in den für ihn ausgesuchten Liedern von Thema zu Thema sprang und, wie beschrieben, mal über sozialistische Seeleute, dann wiederum über selbstgebastelte Kunstlandschaften oder tödliche Fehden russischer Kerle trällerte, ist bei Chris Roberts` 74er-CD durchaus eine rote Linie zu erkennen: Optimismus, Lebensfreude, die Schönheit der Frauen und der Natur, ?Liebe und Sonnenschein? (Liedtitel) bilden die Grundlage letztlich aller Lieder auf ?Du kannst nicht immer 17 sein?. Roberts warnt augenzwinkernd ?Große Mädchen weinen nicht?, schwärmt über einen ?Sonntag im Englischen Garten?, gesteht ein, ?verliebt in einen Engel? zu sein, fährt mit der ?Lady of London? im Doppeldeckerbus durch die britische Hauptstadt, nur ?Brot, Wasser und Du? zählen für das Multitalent aus Münchens Schicki-Micki-Stadtberzirk, manchmal aber genauso ?Du und Paris? oder ?Ein Mädchen vom Lande?. Der volkstümlich anmutende Ohrwurm ?Schöne Blumen bleiben nicht am Wege stehen? wurde zeitgleich auch von Peter Kraus aufgenommen, für den romantischen Mid-Tempo-Schleicher ?Die Zeit heilt alle Wunden? zeichneten als Autoren die beliebten Kollegen Martin Mann und Michael Holm verantwortlich. Dieses wohlmundende Potpourri der Glückseligkeit fand ohne jegliche Ausnahme im klassischen Ralph-Siegel-Sound statt, inszeniert ? wie immer bei dem hochkarätigen Münchener Musikgenie ? mit mannigfaltigen Streichern, Bläsern und Chören. Offensive Chanson-Elemente finden sich in den von Genre-Cracks wie Kurt Hertha, Günther Behrle oder Werner Schüler betexteten Schlagern genauso, wie Volkstümliches oder Balladeskes. Zu dem immensen Erfolg der LP ?Du kannst nicht immer 17 sein? und der gleichnamigen Singleauskoppelung haben Produzent Siegel und Interpret Roberts gleichermaßen ihren Teil beigetragen, so daß diese Kooperation bis in die frühen 80er Jahre hinein Bestand hatte und noch viele gelungene Schlager höchster Qualität ? man denke nur an ?Wann liegen wir uns wieder in den Armen, Barbara?, ?Wo warst Du? oder ?Hörst Du, sie spielen unser Lied? ? an die Öffentlichkeit beförderte. Das 40minütige Erstlingswerk der beiden Könner ist längst als Klassiker des deutschen Liedguts anzusehen, so daß die Ariola-Macher genau das richtige taten, als sie dieses durchwegs ansprechende Album im Zuge des ?Schlagerfrühlings 2006? endlich (!) aus dem Archiv bargen.
Der gebürtige Berliner Roland Kaiser ist 2006 ein über alle Zweifel und alle musikalische Leichtfüßigkeit erhabener Pop-Gentleman, der mit so elitärem, wie unterkühltem Softpop amerikanischer Prägung generationsübergreifend begeistert und auf diese Weise zu den anspruchsvollsten, langlebigsten und feudalsten Entertainern gehört, die die deutsche Showszene vorzuweisen hat. Doch auch der gelernte Autoverkäufer mit Wahlheimat Münster/Westfalen tat seine ersten Schritte in eher leichterer Muse. Die lange vergriffene LP ?Nicht eine Stunde tut mir leid?, in Fankreisen begehrtes Sammlerobjekt und, nach ?Frei ? das heißt allein? (1976), zweites Album des edlen Popcharmeurs, ist die letzte der sechs Wiederveröffentlichungen, die Ariola/SONY-BMG am 3. März diesen Jahres der erfreuten Schlagerwelt vorstellte. Unvergeßlicher Singlehit des zwölfteiligen Liederprogramms war der fesche Stimmungsschlager ?Sieben Fässer Wein?, der noch heute unumstößlich in Kaisers Konzertrepertoire seinen Platz hat und dem dunkelhaarigen Frauenliebling darüber hinaus eine ungewohnt hohe Akzeptanz und Beliebtheit bei ansonsten eher schlagerfernen jüngeren Semestern bescherte; 1977 Rang 7 der Singlehitlisten, somit Kaisers erstes, sachtes Eindringen in Top-10-Gefilde und seit Jahrzehnten Wochenende für Wochenende auf jeder besseren Discofete aufgelegter Partykracher. Nicht alle, aber die meisten anderen Lieder von ?Nicht eine Stunde tut mir leid? besitzen durchwegs Ohrwurmqualitäten, leben größtenteils von Kaisers stets cool-ironischer Intonation und übertreffen das Gros des klassischen 70er-Jahre-Schlagers in Sachen Charme, Originalität und Emotionalität um Längen. Der inzwischen seit 30 Jahren im Showgeschäft tätige Sänger beschreibt in der von Kollege Howard Carpendale gemeinsam mit dessen Leib-und-Magen-Komponisten Joachim Horn-Bernges konzipierten Ballade ?Ich bin keine Nummer mehr? die Odyssee eines aus dem Gefängnis entlassenen Ex-Häftlings, ?Hey John? erzählt liebevoll die Geschichte des meist im Hintergrund eines Filmerfolgs verbleibenden Stuntman. Bluesig-nächtlich wird?s im düsteren Schleicher ?Kommt jetzt die Jahreszeit (der großen Einsamkeit?)?, peppig-fetzig-ironisch hingegen im augenzwinkernden Up-Tempo-Popper ?Das war nicht schlecht?. Anspruchsvollere Schnulzen (?Was hat er, was ich nicht hab?, ?Wer gewinnt, wenn Du gehst?, Titellied) oder wehend-hymnische Popschlager (?Ich vermisse die hungrigen Jahre?, ?Ich lieb die Frau, die Dir gehört?, ?Ein Wort zuviel?) vervollständigen die Titelliste des 46minütigen musikalischen Leckerbissens ?Nicht eine Stunde tut mir leid?; die schaurige Saga von der ?Toteninsel? allerdings will so gar nicht zu Kaisers ansonsten so gediegenen Pop/Schlager-Mixturen passen, die zwar mit seinen epochalen Softrock-Dramen der 80er und 90er Jahre nicht zu vergleichen sind, aber bereits in seiner Frühzeit deutlich festmachten, daß der Familienvater und Gerhard-Schröder-Freund von jeher weitaus mehr vorzuweisen hatte, als ein durchschnittlicher Schlagerfuzzi. Ohne Frage, der Höhepunkt des ?Schlagerfrühlings 2006?!
Trotz aller, hier ausführlich geschilderter qualitativer Unterschiede, werden sich Tausende Schlagerfreunde die Finger lecken nach den sechs vorliegenden, sämtlich im Original-Artwork gehaltenen CD-Wiederveröffentlichungen. Alle Alben haben auf ihre Weise Schlagergeschichte geschrieben, regen zum Träumen und Mitsingen, zum Lachen, zum Jammern, zum Tanzen und zum Schwofen ein. Doch, so liest man landauf, landab in den einschlägigen Internetforen, sollte die digitale Reanimation dieser sechs Spitzentitel möglichst nur ein Anfang sein. Das Ariola-Archiv ? immerhin aus Fusionsgründen inzwischen erweitert um CBS-, RCA-, Hansa-, Aladin- oder Columbia-Material ? birgt noch so unendlich viele musikalische Goldbarren, daß sich die Verantwortlichen hoffentlich sputen und anderes, seit Ewigkeiten Vergriffenes, aber niemals Vergessenes in gleicher Manier als klanglich optimale Silberscheibe neu aufbereiten. Christian Frankes ?Du und ich? (1982), Lena Valaitis? ?Lena? (dito), Hannes Schöners ?Willst Du träumen? (dito), Chris Roberts? ?Wo warst Du? (1980), Severines ?Sie kam aus Frankreich? (1983), Peter Alexanders ?Genieß Dein Leben? (1980), Udo Jürgens? ?Ein neuer Morgen? (1975), Costa Cordalis? ?Dich berühren? (1982) und unzählige andere hochspannende Schlager-LPs der 70er und 80er Jahren warten nur auf die Einleitung ihrer Wiedergeburt!
Gesamtnote ? Juliane Werding 2-3
Gesamtnote ? Wencke Myhre 2
Gesamtnote ? Bernd Clüver 4
Gesamtnote ? Rex Gildo 3-4
Gesamtnote ? Chris Roberts 2
Gesamtnote ? Roland Kaiser 1
(Holger Stürenburg 9.-11.03.2006)