1981 war jenes denkwürdige Jahr, in dem sich der Verfasser dieser Zeilen erstmals in seinem jungen Dasein intensiver und gezielter mit angesagter, zeitgemäßer Populärmusik auseinandersetzte und er deshalb vollständig eintauchte in die verwirrend-anregende Glitzerwelt der unterschiedlichsten Rhythmen, Melodien, Stilrichtungen, textlichen und musikalischen Aussagen ? ein Genre, das heutzutage, ein Vierteljahrhundert später, den soliden Hauptteil seines beruflichen Schaffens ausmacht. 1981 war gleichbedeutend mit der ersten ?ZDF-Hitparade?, die sich der knapp zehnjährige Holger, ohne sich die Erlaubnis seiner kulturell erzkonservativen Eltern eingeholt zu haben, eines schönen Montagabends heimlich im Fernsehen zu Gemüte führte, der ersten vom eigenen Taschengeld erworbenen Shakin?-Stevens-Platte, dem ersten ?Super 20?-Hitsampler, den der Rezensent als Belohnung für ein gutes Sommerzeugnis nach Abschluß der vierten Klasse geschenkt bekam, oder den ersten Popstar-Postern an der Wand des Kinderzimmers, die er sich mittels auf grauen Pappplakaten aufgeklebter, vorher penibel aus der TV-Zeitschrift ?Funk Uhr? ausgeschnittener Musiker-Bildchen eigenständig kreiert hatte.
Über genau diese spannungsgeladene Zeitspanne informiert die aktuelle Ausgabe der insgesamt 50teiligen CD-im-Buch-Serie ?SZ-Diskothek ? Ein Jahr und seine 20 Songs?. Sie kam am 24. März diesen Jahres auf den Markt und beinhaltet, wie gewohnt, ein einführendes Essay, ein paar farbenfrohe Abbildungen zeitgeistrelevanter Personen und Ereignisse (diesmal u.a. von der ?Dallas?-Fernsehfamilie, dem ägyptischen Staatspräsidenten Hosni Mubarak oder der legendären Werbetafel des Eisherstellers ?Langnese?, auf der, zwischen ?Ed von Schleck?, ?Nogger?, ?Dolomiti?, ?Capri? oder ?Cornetto Erdbeer?, sämtliche gefrorene Kinderträume zu sehen waren, für deren Erhalt wir unsere Eltern in jenen Tagen, Sommer für Sommer, beknieten), sowie ? selbstverständlich ? eine rund 75minütige Silberscheibe, auf der die von einem siebenköpfigen Redaktionsteam eruierten 20 wichtigsten Songs des Jahres 1981 versammelt wurden.
1981 tat sich wahrlich eine Menge im nationalen wie internationalen Popgeschehen ? und all dies stürzte nun ohne Vorwarnung, gleichsam in vollster Wucht und Pracht, auf den kindlichen Verfasser ein, der zuvor nur betagte Jazz-, Schlager- und Musicalplatten aus dem Bestand seines Vaters gehört hatte. Der Hitparaden-Hauptstrom war durchsetzt von unsäglichen Nachzüglern der Discowelle (z.B. Bernie Paul, Peter Kent, ?Goombay Dance Band?, ?Ottawan?), leichtfüßig-fröhlichem Hollandpop (?A La Carte?, ?Dolly Dots?, ?Doris D. & the Pins?), und bitterstem Trash (?Electronica?s?, Joe Dolce, ?Fred Sonnenschein?, Gottlieb Wendehals). Die massenkompatiblen Idole der vorherigen Dekade lösten sich entweder auf (?Smokie?), gerieten zunehmend ins Hintertreffen (?Boney M.?), verschwanden spurlos von der Bildfläche (Suzi Quatro), kündigten verschlüsselt ihren Rückzug aus der Showszene an (?ABBA?) oder kamen in den Stimmbruch (?The Teens?). Die aus der Mode- und Musikwelt Großbritanniens aufs Europäische Festland herüberschwappende New-Romantic- und New-Wave-Bewegung hinterließ frühe Eindrücke nun auch in unseren Breitengraden; insbesondere coole Blitzkids und Popper bundesdeutscher Ausprägung goutieren feudale Synthesizerfreaks wie ?Ultravox?, ?Spandau Ballet?, ?Visage?, ?Soft Cell? oder ?Duran Duran?. Die Anzeichen eines konsequenten Durchstartens der 1978/79 im Untergrund entstandenen Neuen Deutschen Welle (NDW), heraus aus obskuren Punkclubs, verschrobenen Intellektuellenzirkeln und dauernachdenklichen Kreisen weltschmerzender Weltfremder, hinein in die bunten Gefilde von Charts, ?BRAVO? und Radio-Tagesprogramm, wurden immer deutlicher (?Rheingold?, ?Fehlfarben?, Joachim Witt, ?Ideal?). Der traditionelle deutsche Schlager verabschiedete sich von greller, oft nervtötender Schenkelklopfer-Fröhlichkeit und sinnleerem Liebesgefasel und zeigte sich plötzlich kühl-erotisch (Roland Kaiser), hoffnungslos-düster (Howard Carpendale), zurückhaltend-melodieorientiert (Hanne Haller) oder urban-elitär (Udo Jürgens) ? vor allem zog in die Leichte Muse einheimischen Zuschnitts immer unumkehrbarer die zeitnahe Technik in Form von Synthesizern und Schlagzeugcomputern ein.
All dies war Diedrich Diedrichsen, seines Zeichens in Berlin lebender Popkritiker und ?theoretiker mit Lehrstuhl an der Stuttgarter Merz-Akademie, viel zu profan, seicht, erdverbunden und rustikal. In seinem Essay ?Und langsam nahen die Kaschmirpullis?, das auf neun Seiten die 81er-Ausgabe von ?SZ-Diskothek ? Ein Jahr und seine 20 Songs? einleitet, schwadroniert der verquere Genius über Erinnerungen an Provinzauftritte weitgehend unbekannter britischer Underground-Acts, wie z.B. der ?Pop Group? oder der ?Slits?, resümiert, daß 1981 letztlich jene Ära dargestellt habe, in der amerikanischer wie europäischer Funk sich im Massengebrauch etablierten, schwärmt von manch geläufigeren ? ?Mania D.?, ?Östro 430?, ?Au-Pairs?, ?Cramps?, ?Unknown Gender? ? wie auch nur unter Spezialisten eine gewisse Bedeutung aufweisenden - ?Delta 5?, ?Girls At Our Best?, ?Y Pants? oder ?Bush Tetras? - Bandprojekten, die ?ganz oder überwiegend von Frauen bestimmt? wurden. Garniert, wie regelmäßig in Diederichsen?schen Auslassungen, mit einer Unzahl von schrillen Fremdworten, hochgestochenen Phrasen und pseudointellektuellem Schnickschnack, sinniert der in erster Linie durch seine 15 Jahre währende Tätigkeit im Redaktionsstab des snobistischen Independent-Magazins ?Spex? jenseits des Elfenbeinturms überhaupt wahrgenommene Autor über all dasjenige, was 1981 vermutlich nur eine ganz kleine und zugleich ultraradikale, wenn nicht gar scheuklappenbehaftete Minderheit von Poprezipienten näher beschäftigt hatte. Doch trotz all seiner deftig ausgelebten Vorliebe für das Unter- bzw. Hintergründige, Hitparadenferne und Abgehobene im globalen Musikgeschehen, muß selbst eine sich als unangreifbar einstufende Koryphäe unter den Musikgeschichtlern, wie der gebürtige Hamburger allenthalben eine darstellt, eingestehen, daß sich gerade 1981 mehr und mehr Nischen-Hörer nach nichts anderem sehnten, als nach schöngeistiger, schwelgender, melodiebetonter Popmusik ? ein Wunsch, der ein Jahr später, ergo 1982, tatsächlich in aller Form - Stichworte: ?Depeche Mode?, ?XTC?, ?Orange Juice?, ?ABC?, ?Squeeze?, ?Scritti Politti?, ?Teardrop Explodes? etc - erfüllt werden konnte.
Was vorliegendes Musikprogramm aus 1981 betrifft, so gewinnt der Beobachter schnell den Eindruck, als sei es den Redakteuren, welche die Songs für die dem 80seitigen Büchlein beigefügte CD auswählten, äußerst schwergefallen, Treffliches, Passendes, Erinnerungswertes, Unumgängliches bezüglich der musikalischen Entwicklung des hier beschriebenen Jahrgangs zu finden. Eine stilistische Grundlinie ist auf der CD keinesfalls auszumachen. Von Neo Jazz, über Rap, Chanson, NDW, Funk, Folkgeschrammel und New Wave ist vieles dabei. Nicht alles steht jedoch eindeutig, zweifelsfrei und unwiderruflich für das Popjahr 1981.
Ohne Frage einen phänomenalen Einfluß hinsichtlich des oftmals materialistisch-technokratischen Denkens, Fühlens und Handelns vieler schnieker junger Menschen in den 80ern, wies die positive Dekadenz des gänzlich zu unrecht als Konglomerat substanzloser Teeniepopper verschrienen Quintetts ?Duran Duran? auf, das im Frühsommer 1981 sein selbstbetiteltes Debütalbum präsentierte, auf dem der charismatische Sänger Simon Le Bon und seine gutaussehenden Begleiter die Aggressivität und Hektik des Punk mit der Eleganz und Geschmeidigkeit schwarzer Funksounds verbanden und durch dieses Treiben als eigentliche Gründungsväter der New Romantics in die Annalen eingingen. Der aufreibende, hysterische Poprocker ?Girls on Film? beginnt mit dem klickenden Geräusch von Kameras und ist, laut Le Bon, als ?tiefschürfende Kritik an der Ausbeutung der Frau in der Werbung? zu verstehen. Das vom schrulligen Querkopf und edlen Bryan-Ferry-Kopisten David Sylvian geleitete Projekt ?Japan? gilt, ebenso wie die ?Duranies?, als Wegbereiter ebengenannter Mode- und Musikrichtung. Dessen zurückhaltend bis minimalistisch instrumentierter, unterkühlter, dadurch etwas hochnäsig wirkender Ambient-Dancepop ? hier vertreten mit der beschaulich-betulichen Top-5-Single ?Ghosts? - wurde anfangs zuvorderst von kulturell beflissenen Feinschmeckern als Avantgarde britischer Popbrillanz gelobt. Als ?Japan? immer häufiger von den hitparadenhörigen Teenagern für sich vereinnahmt wurden, erklärte der scheue Sylvian seine Band Mitte 1982 auf dem Höhepunkt ihres Erfolges für aufgelöst. Rüde, rauh und romantisch in einem gaben sich die aus London stammenden, straighten Gitarrenrocker ?Psychedelic Furs? zu erkennen. Kunststudent Richard Butler und die Seinen sahen ihre Vorbilder in David Bowie, ?Roxy Music? oder ?The Velvet Underground? und transferierten deren genialische Mischung aus Morbidität und Glamour in gleichermaßen drastischem wie hochemotionalen Kontext ins Umfeld der beginnenden 80er. Der hymnische, drängende, ausgereifte Ohrwurm ?Pretty in Pink?, dessen Erstveröffentlichung 1981 vonstatten ging, wurde so stark mit dem Fluidum des kühlen Dezennium identifiziert, daß man ihn fünf Jahre später, jedoch in einer poppigeren, weicheren, saxophongeführten Version, als titelgebendes Thema für eine typische 80er-Teenagerkommödie nutzte. Den stets mürrisch dreinblickenden Finsterlingen von den ?Stranglers? hatte niemand so recht zugetraut, in der Lage zu sein, ein klassisches, sanftes, wohltönendes Liebeslied zu verfassen. So überraschten die Punk-Dunkelmänner um Hugh Cornwell (voc) und Jean-Jacques Burnel (b) 1981 mit einem ganzen Album voller balladesker, synthilastiger, beinahe zuckersüß anmutender Klangspielereien in verhaltenem Tempo. Einträglichste Single aus ?La Folie? war der rhythmisch komplexe Psycho-Walzer ?Golden Brown?, der besonders durch seine schwierigen Taktwechsel und die bedächtig eingesetzten, instrumentellen Passagen auf dem sonst völlig rockfremden Cembalo betörte, in Großbritannien den zweiten Rang der Hitlisten einnahm und sich auf diese Weise als größter Hit der Band Zeit ihres Bestehens herausstellte, denn die Spitzenposition eroberten die ?Stranglers? in ihrer Heimat niemals. Hierzulande verblieb ?Golden Brown? zwar auf einem unglücklichen 63. Platz, lenkte so aber zumindest erste Aufmerksamkeit der bundesdeutschen Popkids auf die in den Folgejahren fortlaufend grazileren, sachteren Klangspielereien der ?Würger?. Die fröhlich-melancholischen, spezifisch britischen Ska/Pop-Melangen der im Londoner Stadtteil Camden Town ansässigen Chaotentruppe ?Madness? zählten gleichfalls zu den wichtigsten und aufrüttelndsten Exponaten der so vielfältigen Gemengelage aus New Wave, New Romantic und lieblichem ?Pure Pop?. Im Anschluß an ihre Hit-LP ?Absolutely?, aus der alleine vier Top-10-Singles ausgekoppelt worden waren, ließ Labelchef Dave Robinson seine gefragten Schützlinge zum ersten Mal in ihrer Karriere eine Fremdkomposition einspielen. Der sanfte, harmlose, aber unendlich eingängige Popschunkler ?It must be Love? war schon 1971 ein kleiner Hit für den Folkbarden Labi Siffre gewesen. ?Madness? hauchten dem lieblichen Schmankerl im Frühjahr 1981 auf überaus sympathische Weise neues Leben ein: Abermals ein Top-5-Erfolg für seine Interpreten, dem allerdings kein Platz im Repertoire des nächsten regulären ?Madness?-Opus eingeräumt wurde, so daß er es erst elf Jahre später auf einen Longplayer der Band, den Best-of-Sampler ?Divine Madness?, schaffte. Molltönende, tiefschwarze Romantik verbreiteten 1981 die metallischen Gothicrocker ?Siouxsie & the Banshees?, die von ihrem Manager als ?existentialistisch eingedüstertes Gegenbild zur fröhlich blondierten Unschuld? der niedlich-naiven US-Popwaver ?Blondie? aufgebaut wurden und noch heute, mit immer wieder neuen Perlen im Gepäck, durch die Lande touren (?Arabian Knights?), während Punkikone Iggy Pop auf Wunsch seiner damaligen Plattenfirma Arista für den US-Markt zu einem radiotauglichen, pflegeleichten Mainstream-Waver umerzogen werden sollte, der die roh-aggressive Attitüde seiner frühen Jahre gegen die eines gediegenen Rockarbeitstieres für die ganze Familie einzutauschen hatte, und im für ?SZ-Diskothek ? Ein Jahr und seine 20 Songs? ausgegrabenen, zickigen Liebeslied ?Pumpin? for Jill? problemlos an freundlich-abgeklärten Power Pop der Sorte ?The Knack?, ?The Motors? oder ?The Cars? gemahnt. Die melodieverliebte Popästhetik der Süd-Londoner Nette-Jungs-Gemeinschaft ?Squeeze? blieb (leider) ausschließlich ein ? wenn auch sehr sympathieerregendes - Randgruppenthema (?Is that Love?), die sozialkritische Punk/Ska-Big-Band ?The Specials? feierte mir ihrer allerletzten 45er ?Ghost Town? ? der widerspenstige Düster-Reggae ist hier sogar im über fünfminütigen Maximix vertreten ? einen fundamentalen Abschiedserfolg, bevor Sänger Terry Hall und zwei weitere Mitstreiter die Truppe verließen und die skurrile New-Romantic-Combo ?Fun Boy Three? ins Leben riefen, während Schlagzeuger Jerry Dammers zwei Jahre später mit der überambitionierten Nachfolgeorganisation ?The Special AKA? am eigenen Anspruch scheiterte. Die auf Jamaika geborene Pfarrerstochter Grace Jones arbeitete zunächst als Model, ehe sie Mitte der 70er Jahre ihre ersten Disco-Scheiben aufnahm, die aber kaum Niveau aufwiesen bzw. Bleibendes in sich trugen. Als sich die schwarze Schönheit stilistisch einem ?karibischen Flair mit kühlem Electrowave-Einschlag? öffnete und ein androgynes Image zulegte, entstand die unvergeßliche Synthiorgie ?Night Clubbing?, aus der der klirrendkalte, schier hypertroph-opernhafte Techno-Tango ?I?ve seen that Face before? als erste Single auserkoren wurde und so neue Trends im diskothekengerechten Wave-Pop setzte.
Am Rande des New-Wave-Spektakels war Ende der 70er Jahre ein fulminantes Rock?n?Roll- bzw. Rockabilly-Revival ausgebrochen. Dieses zelebrierten leichtfüßigere, verkaufsträchtigere Acts wie ?Matchbox?, ?Coast to Coast?, ?Rocky Sharpe & the Replays? oder unser aller ?Shaky? bravourös in den Mainstream-Charts. Die US-amerikanischen ?Stray Cats? etwa reanimierten dagegen originalgetreuere, echtere Rockabilly-Klänge und sprachen somit auch Puristen aus dem Herzen. Von Gitarrenlegende Dave Edmunds produziert, erzielte das aus Brian Setzer (voc, git), Lee Rocker (b) und Schlagzeuger Slim Jim Phantom bestehende Trio, zwar nicht in seiner Heimat, dafür aber umsomehr in Großbritannien einen Hit mit dem jazzigen Rock?n?Roll-Shuffle ?Stray Cat Strut?.
Der Soul-, Rap- und Funkszenerie des Jahres 1981 huldigen auf ?SZ-Diskothek ? Ein Jahr und seine 20 Songs? das fünfköpfige Ensemble ?Funky 4 plus 1?, das auf dem sagenumwobenen Ghettolabel Sugar Hill Records das schnittige Hip-Hop-Frühwerk ?That?s the Joint? einspielte, der farbige Soulcrooner Luther Vandross, dem die verantwortlichen SZ-Redakteure gar die ?coole Eleganz? eines Nat ?King? Cole zuschreiben (?Never too much?) oder der brachiale Funkanarcho Rick James, dessen tanzwütiger Hymnus ?Super Freak? nicht nur die rhythmische Grundlage für Falcos 82er-Klassiker ?Der Kommissar? bot, sondern darüber hinaus 1990 unter dem Titel ?U can?t touch this? zu einem teenagerkompatiblen Discohit für Sandkasten-Rapper ?MC Hammer? avancierte.
Obwohl die SZ-Macher bislang muttersprachlichem Liedgut niemals allzu viel Raum im Rahmen hier erörterter Popanthologie zuerkannten, finden sich auf der 81er-CD sogar gleich ganze drei (!) Lieder aus deutscher Manufaktur. Klar, die NDW war in jenem Jahr drauf und dran, alles, was die nationale Popszene zuvor gekennzeichnet hatte, in Frage zu stellen, umzuwerfen, neu auszurichten, so daß selbst der internationalste, kosmopolitischste ?vaterlandsloseste Geselle? unter der hiesigen Journaille eingestehen mußte, daß künftig populäre deutsche Klänge kein Hinterzimmer-Dasein mehr führen würden. Aus der zweiten ?Ideal?-LP ?Der Ernst des Lebens? fand so die zynische Liebeserklärung ?Erschießen? den Weg auf vorliegende CD-Kompilation, was außerdem ?Fred vom Jupiter? vermochte, jenes genial-banale Melodiechen, das 1980 vom damals gerade 14jährigen Hamburger Pennäler Andreas Dorau für ein Unterrichtsprojekt seiner Gesamtschulklasse ersonnen worden war und sich ein Jahr darauf zu einem der ersten realen Singlehits der kommerzielleren NDW-Schiene entwickeln sollte. Ganz und gar nicht jenem zum Schluß nur noch marktgerecht aufbereiteten Hype zuzuordnen war der Osnabrücker Germanistik- und Philosophiestudent Heinz Rudolf Kunze, ein schüchterner, verklemmter Durchschnittstyp mit stark ausgeprägter Abneigung gegen allen schnellebigen Zeitgeist. Der hochtalentierte Sänger und Pianist hatte im November 1980 Dank der achtminütigen ?Bestandsaufnahme?, in der er sarkastisch und phantastisch ausformuliert mit der inzwischen arrivierten und verfetteten 68er-Generation abrechnete, das ?Pop-Nachwuchs-Festival? in Würzburg für sich entschieden, was ihm zu einem Fünf-Jahres-Vertrag bei der Hamburger WEA verhalf. Dort erschien ein Jahr später sein ? noch recht sprödes, teilweise unentschlossen wirkendes ? Debütalbum ?Reine Nervensache?, das mit textlastiger Gesellschaftskritik a?la ?Balkonfrühstück?, ?Abstinenzler? oder ?Für nichts und wieder nichts? bereits ein paar zeitlose Perlen aus der spitzen Feder Kunzes hervorbrachte, die heutzutage längst als unverrückbare Höhepunkte deutscher Rockmusik gelten. Das ungewohnt fröhliche, jazzige Schlagerchen ?Wir leben alle im Erdgeschoß? ? nicht unbedingt die beste Stellungnahme aus Kunzes LP-Erstling ? suchten die SZ-Redakteure für die 81er-Ausgabe ihrer CD-Serie aus. Was aber die krude Jazz-Combo ?The Lounge Lizards? (?Harlem Nocturne?) mit dem allgemeinen Popdenken des Jahres 1981 zu schaffen hatte, wieso Paolo Contes nur mehr niedliches Swing-Chanson ?Via Con Me? nun unbedingt zeittypisch für hier analysierte zwölf Monate gewesen sein soll bzw. welche Fragmente Bob Dylans Nörgel-Gospel ?Every Grain of Sand? zum unvermeidlichen musikalischen Zeitdokument jenes Jahrgangs ausgestalten, bleibt dem interessierten Hörer jedoch vollkommen verschlossen. Es scheint so, als hätten die Verantwortlichen hier rein subjektiv ihre allerpersönlichsten Favoriten der von ihnen kompilierten Silberscheibe hinzugefügt ohne, daß diese irgendeine Art von historischer Relevanz in Bezug auf das vorzustellende Zeitalter aufweisen. Davon abgesehen bietet ?SZ-Diskothek ? 1981 ? Ein Jahr und seine 20 Songs? aber eine gründlich recherchierte, vielleicht ab und zu etwas undurchsichtige bis planlose Zeitreise in die vielschichtige künstlerische Ära ein Vierteljahrhundert vor dem Hier und Jetzt, der allerdings nicht selten eine durchwegs erkennbare rote Linie fehlt.
(Holger Stürenburg, 09./10. April 2006)