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Roland Kaiser “Best of”

Von Diverse

Als im Jahre 1974 die erste Single des gelernten Einzelhandelskaufmanns Roland Kaiser erschien, dachte niemand daran - vermutlich nicht einmal der Sänger selbst - daß er noch 30 Jahre später zu den kreativsten, erfolgreichsten und vielseitigsten deutschen Popmusikern zählen, bis heute über 80 Millionen Tonträger verkaufen und eine Vielzahl Gold- und Platinauszeichnungen verliehen bekommen würde. “Bevor die nächste Träne fällt” hieß Kaisers Debüt: eine peppige, aber noch zu alltägliche deutsche Version des u.a. von Brenda Lee oder Freddie Fender bekannt gemachten Countrysongs “Before the next Teardrop falls”. Zunächst schien es tatsächlich so, als sei der 1952 in Berlin geborene Hobbymusiker, der hauptberuflich die Werbeabteilung eines Autohauses leitete, einer der Hunderten Schlagersänger, die in den fröhlich-sinnlichen 70er Jahren ihr Glück versuchten, ein, zwei Singles auf den Markt warfen und daran anschließend schnell wieder unsanft in ihren bürgerlichen Professionen landeten ohne, daß man sich heutzutage noch an eines ihrer Lieder, geschweige denn an ihren Namen erinnern kann. Doch Kaiser baute seine Karriere Schritt für Schritt kontinuierlich auf. Nach einigen weiteren, kaum beachteten Singles, erzielte er im Frühjahr 1976 mit “Frei - das heißt allein”, einer gesungenen Aufnahme des Instrumentalstücks “Verde” von Ricky King, seinen ersten Hit, der in den deutschen Singlehitlisten bis auf Rang 14 steigen konnte und erstmals breitere Publikumsschichten auf den sympathischen brünetten Sänger mit der einschmeichelnden und doch stets so überzeugenden und kraftvollen Stimme aufmerksam machte. Es folgten noch heute beliebte Stimmungslieder a`la “Sieben Fässer Wein” (1977), “Zieh Dich nicht aus, Amore Mio” oder “War das eine Nacht” (beide 1978) und sogar ein Auftritt im Rahmen der Deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision 1980, bei der Kaiser mit dem ungewohnt rockigen Song “Hier kriegt jeder sein Fett” ins Rennen ging. Doch der Durchbruch an die Spitze des deutschen Showgeschäfts gelang Kaiser erst, als er seine persönliche Note fand, selbst begann zu texten und zu arrangieren, und er vom schnellvergänglichen Schunkelschlager auf das emotional-erotische Popchanson umstieg. “Santa Maria” hieß der Ohrwurm des Jahres 1980. Aus einem ansonsten belanglosen Italopopschmankerl des unsäglichen Duos Oliver Onions gestaltete Kaiser ein vollkommen neues, eigenständiges Lied mit Ewigkeitsgarantie, voller leidenschaftlicher Träume von der unerreichbaren blutjungen Südseeschönheit auf dem Weg “vom Mädchen bis zur Frau” (Textzitat). Von da an ging es Schlag auf Schlag. Die gesamten 80er Jahre hindurch beherrschte der kaiserliche Popcharmeur Hitparaden, Feuilletons und Konzertsäle gleichermaßen. Eine Single übertraf die andere - mehr als 15 mal zogen Kaiser-Platten zwischen 1980 und 1990 in die deutschen Charts ein, nicht selten auf die höchsten Ränge. “Lieb mich ein letztes Mal” (1981), “Wohin gehst Du” (1982), “Die Gefühle sind frei” (1983), “Joana” (1984), “Hier fing alles an” (1985), “Midnight Lady” (1986) oder “Haut an Haut” (1987) zählen noch heute zu den Kultklassikern deutschen Popschaffens. 1990 stand ein erneuter Wendepunkt auf der Tagesordnung. Obwohl schon Kaisers Lieder der 80er Jahre niemals banale Schlager für den Einmalgebrauch waren, öffnete sich der Schmuseentertainer ab seinem grandiosen Album “HerzZeit” zunehmend poppigen und rockigen Klängen und sang dazu zumeist selbstverfaßte, tiefgehende Texte über Liebe, Sex, Zärtlichkeit, verbotene Phantasien und emotionale Obsessionen, ohne jemals auch nur in Nuancen ins Vulgäre abzudriften. Elton John, Neil Diamond, ja gar Frank Sinatra erwuchsen zu Kaisers Vorbildern. Schlagertralala? - Das war einmal. Kaiser transferierte im Laufe der 90er internationale Welthits von Chicago, Bryan Adams, Chris Rea, Billy Joel, Carly Simon, Toto Cotugno oder Exile gekonnt ins Deutsch und baute zuletzt freche Latinoklänge und kompakte, hymnische Rock/Pop-Sounds erster Güte in seine Songs ein.
2004 feiert Roland Kaiser nun sein 30jähriges Schallplattenjubiläum. Zu diesem Anlaß veröffentlicht er dieser Tage bei seiner neuen Firma White Records ein schlicht “Best of” betiteltes Album, das den Sänger, Texter, Produzenten und TV-Star in all seinen Facetten zeigt. Zwar führt der Titel der 19-Song-CD ein bißchen in die Irre - über die Hälfte der Songs stammt aus den kommerziell weniger erfolgreichen letzten fünf, sechs Jahren - trotzdem bietet “Best of” nicht nur beinharten Kaiser-Fans, sondern auch jedem Freund niveauvoller Popklänge mit deutschen Texten den reinsten Hörgenuß. Eigens für “Best of” hat Kaiser sieben seiner unvergänglichen Klassiker in aktuellem Gewand neu eingespielt und entlockt auf diese Weise den allseits bekannten Evergreens teils vollkommen neue Aspekte. So rocken bluesige E-Gitarren zurückhaltend, aber prickelnd, durch “Ich glaub, es geht schon wieder los” (1988) oder findet man sich bei “Dich zu lieben” (1981) auf einmal in einer glitzernden New Yorker Großstadtdisco der ausgehenden 70er Jahre wieder; ein an Lipps Inc`s “Funkytown” bzw. Hot Chocolate`s “You sexy Thing” gemahnender Gitarrenriff fräst sich urplötzlich in die allbekannte Melodie und verleiht ihr auf diese Weise einen unerwarteten, brandaktuellen Touch. Eine ebenso extravagante Mixtur aus Elementen von Reggae und französischer Folklore versüßt “Manchmal möchte ich schon mit Dir” (1982); “Lieb mich ein letztes Mal” (1981) mutiert schlußendlich von einer romantisch-abgeklärten POP- zu einer lupenreinen ROCK-Ballade. Bei den Neuaufnahmen von “Santa Maria”, “Sieben Fässer Wein” oder “Alles, was Du willst”, Kaisers größtem Hit aus den 90ern, hält sich der stets feudal, stilvoll und elitär wirkende Edelmann des deutschen Pop dagegen recht nahe an die - ohnehin schon vorzüglichen - Arrangements der einstigen Hitversionen.
Zudem erklingen die spannendesten Songs der letzten drei Kaiser-CDs auf vorliegender Best-of-Koppelung, oft im Original belassen, aber ebenso häufig in neuen Abmischungen bzw. leicht abgeänderten Arrangements. Besonders hervorzuheben wären etwa der knisternde Soulverschnitt “Warum denn aus Liebe weinen?” (1999), in dem Kaiser ironisch und doch stets die Contenance bewahrend, mit unerwarteten Folgen eines mißverstandenen One-Night-Stands (als Förderer der derzeit vieldiskutierten Deutsch-Quote im Rundfunk bevorzuge ich hier die Übersetzung “Eine-Nacht-Ständer”) umzugehen hat, der etwas zu arg an Wolfgang Petrys Hau-drauf-Pop angelehnte Ohrwurm “Hunderttausend Fragen” (2003), die nächtlich-jazzige Tanznummer “Ich geh mit Dir, wohin Du willst” (2001) oder die vornehme, hintergründig rockende Popballade “Ich liebe Dich, so wie Du bist” (2003). Bedauerlicherweise auf dem Markt völlig untergegangen ist vor einem Jahr das dramatische und zugleich nicht nur versteckt sarkastische Latinochanson “Sie ließe sich so gerne fallen”: Der klassische Popsong ist nicht nur melodisch unendlich eingängig geraten und besitzt einen aussagekräftigen Text, der zum Weiterdenken, Weiterträumen anregt - er beinhaltet letztlich alles, woraus ein Hit für die Ewigkeit geschnitzt sein sollte. Nun bekommt dieses feurig-erotische und doch bei näherem Hinhören zutiefst ironische Lied auf “Best of” eine zweite Chance, doch noch in die ellenlange Liste der auch kommerziell rentablen Kaiser-Kultsongs Eingang zu finden.
Zwei brandneue Lieder hat Kaiser zusätzlich für “Best of” eingesungen: “Du” und “Du bist noch hier” tendieren musikalisch in die Richtung eines Michael Bolton oder Richard Marx - die Melodien stammen von Filmkomponist Andreas Ralf, die Texte natürlich von Kaiser persönlich - und beweisen aufs Neue, daß der “Erotomane des deutschen Schlagers” auch nach 30 Jahren Höhen und Tiefen in der einheimischen Showbranche den richtigen Riecher für einprägsame, intelligente Songs voller Gefühl, Intensität und lyrischer wie musikalischer Aussagekraft und Tiefe besitzt!
Über das 19. und letzte Stück der CD sollte man jedoch, wenn man es mit Kaiser gut meint, lieber den Mantel des Schweigens hüllen: Ein “Hit-Mix”, in dem sechs Kaiser-Klassiker auf künstlerisch grauslichste Weise zu einem disharmonischen Medley zusammengeschustert wurden, paßt zum einen gar nicht mehr ins neue Jahrtausend - die Hochphase derartiger tumber Verhunzungen wunderschöner Originale fand in den späten 90ern statt - und zum anderen sollte man einen Kaiser-Song in Gänze hören - denn nur so kann man ihn auf realistische Weise spüren, ihn träumen, ihn nachempfinden. Doch was ist eine einzige, gerade mal viereinhalbminütige miese Kreation gegen 18 andere Kleinode, die Kaisers Qualitäten ein ums andere mal geballt und nahezu ohne jegliche Abstriche an den Tag legen? Hätte man dem damals 22jährigen Neuling 1974 diese Aufnahmen vorgespielt und ihm gesagt: So wirst Du einst klingen - Er hätte womöglich schallend gelacht. Doch Kaiser hat es tatsächlich geschafft. Er ist, nachdem Howard Carpendale vor einem Jahr von der Konzertbühne abgetreten ist, der einzige einheimische Musiker, der die Balance zwischen Schlager, Pop, Rock und Entertainment in steter Regelmäßigkeit perfekt bewältigt, der zwar konsequent und unwiderruflich auf Deutsch singt, aber genauso urban, kosmopolitisch und weltmännisch klingt wie ein international renommierter Showstar. Wer dies nicht glauben mag und weiterhin behauptet, bei Roland Kaiser handele es sich ausschließlich um einen gesichts-, geschichts- und persönlichkeitslosen Schlagerfuzzi, der sollte schleunigst in den Plattenladen rasen und sich dort “Best of” zulegen. Er wird garantiert, bereits nach den ersten paar Takten dieser erneuten hervorragenden Produktion, seine Meinung von Grund auf revidieren!
(Gesamtnote: Eigentlich “Bestwertung”, aufgrund des unglücklichen “Hit-Mix” jedoch “nur” eine glatte “1″!)
(Holger Stürenburg, 12./13. Oktober 2004)

Artikel vom 15. Oktober 2004

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