Rainhard Fendrich “So weit so gut - Die größten Hits aus 25 Jahren”
In letzter Zeit scheint es regelrecht Mode geworden zu sein, daß insbesondere deutschsprachige Künstler aus Schlager, Rock und Pop immer wieder in spezieller, nicht alltäglicher Manier ein Resümee über ihr bisheriges Schaffen ziehen: Sie veröffentlichen - ungelogen: reihenweise - CDs, auf denen sie, nicht selten mit viel Liebe und Geschick, ihre größten Erfolge, ergänzt durch eigene Favoriten und Geheimtips, neu aufgenommen haben. So gedachten Peter Maffay 2001 und Kollege Udo Lindenberg zwei Jahre darauf mit einer Silberscheibe voller neueingespielter Rockhymnen ihrer jeweiligen 30jährigen Bühnenjubiläen; Frauenheld und Popentertainer Howard Carpendale verabschiedete sich Ende 2003 von seinen unzähligen Fans mittels einer Doppel-CD, auf der er seinen allbekannten Schlager-Evergreens verspielte, poppig-rockige Arrangements in bester amerikanischer Softrocktradition verliehen hatte, während Italo-Popper Nino de Angelo den 20. Geburtstag seines ersten und einzigen Nummer-1-Hits “Jenseits von Eden” zum Anlaß nahm, seine eigenen Lieblingslieder der letzten zwei Dekaden in einem modernen, aber alles andere als anbiedernden Ambiente neu erstrahlen zu lassen. Demgegenüber blamierte sich die Münchener Freiheit vor zwei Jahren auf ihrem Album “Zeitmaschine” mit so seichten wie klebrigen und langweiligen Boygroup-Verkleidungen ihrer Althits bis auf die Knochen. Noch schlimmer trieb es NDW-Legende Peter Schilling, der sich nicht zu schade dafür war, all seine Fetenklassiker zwischen “Major Tom (Völlig losgelöst)” und “Terra Titanic” in kaum genießbarem Techno-Gewand wiederauferstehen zu lassen. BAP-Chef Wolfgang Niedecken heuerte gleich eine ganze Big Band an, um im Herbst vergangenen Jahres Kölschrock-Hämmern wie “Stadt em Niemandsland”, “Nix wie bisher” oder “Met Wolke schwaade” vollkommen neue Facetten zu entlocken. Erst vor wenigen Wochen präsentierte Deutschrock-Lady Ulla Meinecke ihre persönlichen Hits und Tips in entschlackten, nahezu akustischen Minimal-Versionen.
Auch im Leben von Austrochansonnier Rainhard Fendrich stehen in diesem Jahr zwei erinnerungswürdige Daten an. Da wäre zunächst sein 50. Geburtstag am 27. Februar und zum anderen das 25. Jubiläum des Erscheinens seiner allerersten Langspielplatte, die da hieß “Ich wollte nie einer von denen sein” und 1980 schon frühzeitig - jedoch noch zumeist kammermusikalisch, hintergründig-philosophisch und kaum für den Massengebrauch geeignet - auf den kommenden Erfolgsgaranten des ohrwurmträchtigen Liedermachertums Made in Austria aufmerksam machte.
So begab sich das auch als Schauspieler, Musical-Darsteller und -Komponist, TV-Moderator, Showmaster und Bild-Zeitungs-Schlagzeilenlieferant bekanntgewordene Allroundtalent aus dem Wiener Stadtteil Alsergrund im Anschluß an seine gefeierte Tournee zu seinem letzten Album “AufLeben” im Spätherbst 2004 ins Studio, ließ dort 16 Austropopklassiker aus einem Vierteljahrhundert Rainhard Fendrich Revue passieren und schenkte sich selbst anläßlich seiner beiden bevorstehenden Ehrentage das am 28. Februar 2004 veröffentlichte Album “So weit so gut - Die größten Hits aus 25 Jahren” (BMG) - ein fulminantes Präsent, das auch allen Freunden gehobener österreichischer Rock- und Popmusik mehr als nur munden dürfte. Denn der zwar oft zutiefst ironische, aber niemals verletzende Liederschreiber verließ für seine neueste Produktion den zuletzt fast ausnahmslos beschrittenen schmalen Grad zwischen melodiösem Schlagerchen und munteren, aber kaum dauerhaft in Erinnerung bleibenden Popklängen fürs Formatradio. Alles klischeehaft Wienerische, jeglicher schnulziger Schmäh, manch einst aus Marktgründen vermutlich notwendiger, hitparadenkompatibler Kompromiß wurden von Fendrich und seinem langjährigen Produzenten Andreas Fabianek (Austria 3, Brunner & Brunner, Opus etc.) aus den größtenteils betagten Kompositionen - zwölf aus den 80ern, vier aus der vergangenen Dekade - mit Saft und Kraft herausgetrieben. Überfrachtete Radio-Arrangements oder pappige Synthibläser kommen in den Neufassungen der 16 Meilensteine ebensowenig zum Zuge wie neumodische Rhythmusspielereien oder eine sinnlose Überbelastung von Computer und Synthesizer. Bodenständigkeit und Authentizität auf der Basis knackiger, frischer Rocksounds sind das Motto auf “So weit so gut”. Auf diese Weise avanciert beispielsweise das lakonische “Wien bei Nacht” (1985) zu einem klassischen Gitarrenrocker amerikanischer Prägung oder lebt die bitterböse, aber alles andere als fiese 82er-Single “Es lebe der Sport” durch den gekonnten Einsatz heißer Gitarrenriffs enorm auf, während “Macho, Macho” - Fendrichs größter Hit hierzulande (Juli 1988 - Rang 2) und zugleich einer der schrecklichsten Beiträge im Rahmen der ungemütlichen Seiten des 80er-Pop - von einer simplen Bierzeltode für den schenkelklopfenden Ballermann-Konsumenten zu einem jazzigen, energiegeladenen Stück lateinamerikanisch beeinflußter Popmusik erwächst. Das augenzwinkernde Verliereropus “Strada del Sole” trifft auf die romantisch-traurigen Harmonien von Don Henleys 84er-Schwärmerei von der blutjungen Urlaubsliebe, “The Boys of Summer”, in die Neufassung seines Singledebüts “Zweierbeziehung” baute der immer noch phänomenale Textdichter Fendrich einen amüsanten Seitenhieb auf Jörg Haiders FPÖ und deren pathetischen Wahlslogan “Die Stunde der Patrioten” ein, in einer brandaktuellen und lyrisch hochbrisanten Fortsetzung des legendären “Tango Korrupti” (1988) geht der alpenländische Singer/Songwriter, der soeben von seinen österreichischen Fans zum “Austro-Pop-Star” gewählt wurde, ungewohnt hart, herrlich polemisch und dabei stets wortgewandt und treffend formulierend, mit US-Präsident George W. Bush und seiner Familienbande ins Gericht. Das im Original sehr stille, bedächtige Liebeslied “Weus`d a Herz hast wia a Bergwerk” aus dem verregneten Sommer 1984 strahlt 21 Jahre später viel von der elitären Coolness eines Bryan Ferry aus, in “Vü schöner is des G`fühl” (1985) sorgen soulige Frauenchöre für latentes Gospelfeeling. Feudal anmutende, fröhlich vor sich hin swingende Einsprengsel, sogar eine wiehernde Slidegitarre, finden sich in “Schickeria” - 1981 Fendrichs erster kleiner Durchbruch in der Bundesrepublik - wieder. Die einst in Kooperation mit Soundtüftler Harold Faltermeyer entstandene 97er-Hymne “Blond”, damals wochenlang Platz Eins in den österreichischen Charts, bleibt kein erzkommerzieller Tanzflächen-Aufmischer für die Dorfdisco, sondern zeigt sich anno Domini 2005 als treibender, frecher Rocker ohne unnötigen Schnickschnack, irgendwo angesiedelt zwischen Bob Seger und Bruce Springsteen.
Ernsthaft, aber natürlich nicht ohne eine gute Portion Spaß und zugleich mit viel Experimentierfreude beseelt, zaubern Fendrich und seine fünfköpfige Begleittruppe aus den zumeist von Haus aus sehr eingängigen Kompositionen eine Menge Neues, Unvermutetes hervor. Das rockige Element, das Fendrichs letzten Aufnahmen oft fehlte, tritt auf “So weit so gut” so deutlich wie seit langem nicht mehr in den Vordergrund. Peinlichkeiten, Banalitäten, Durchhänger fehlen vollends; jeder einzelne Song steht für sich und läßt sich Dank der neuen Gewänder auch in keiner Weise anmerken, daß er oft schon viele, viele Jahre auf dem Buckel hat.
Sicherlich ist es nicht auszuschließen, daß mancher Altstar womöglich nur deshalb seine lange zurückliegenden Hits neu aufbereitet, weil ihm womöglich die Ideen ausgegangen sind bzw. der musikalische Zeitgeist des neuen Jahrtausends einfach keinen Platz für noch unbekannte Songs aus seiner Feder bietet. Diese Methode, sich ohne viel kreative Mühen erneut ins Gespräch zu bringen, hat ein Rainhard Fendrich nicht nötig. Denn “So weit so gut - Die größten Hits aus 25 Jahren” stellt nicht nur eine überaus gekonnt inszenierte Werkschau in einem durchwegs ansprechenden, aber keinesfalls grellen, (selbst)parodistischen Outfit dar, sondern zeigt darüber hinaus einen mehr als nur jugendlich-junggebliebenen Musiker, der mit Erreichung seines 50. Lebensjahres ein für allemal den schnörkellosen Rock`n`Roll entdeckt zu haben scheint - eine freudige Tatsache, die für kommende Fendrich-Alben mit ausschließlich neuen Songs einiges hoffen läßt..
(Gesamtnote: Bestwertung)
(Holger Stürenburg, 24./25. Februar 2005)
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