Peter Maffay Steppenwolf Edition Pures Gold
Die meisten Zeitgenossen kennen Peter Maffay eigentlich ausschließlich als einen der erfolgreichsten deutschen Rockmusiker, der alle paar Jahre gefeierte CDs veröffentlicht, woran er regelmäßig umfangreiche Konzertreisen durch die größten Hallen, Arenen und Stadien der Republik anschließt, die ausnahmslos wahren Triumphzügen gleichen. Krachende Gitarren, harte Riffs, gediegener Blues, treibender Rock?n?Roll und oftmals sozialkritische, anpolitisierte Texte sind diejenigen Elemente, welche der gemeine Popfan des Jahres 2005 dem 56jährigen Rumänien-Deutschen zuschreibt. Doch angefangen hatte der gebürtige Siebenbürgener vor rund 35 Jahren mit ganz anderen Klängen. Überdrehte Schlager (?Du?, 1971) und traumhafte, knisternde Popballaden sanftesten Zuschnitts (?Josie?, 1975, ?Und es war Sommer?, 1976) bildeten den Hauptteil im Repertoire des frühen Peter Maffay. Rockige Tendenzen kamen demgegenüber nur äußerst selten zum Einsatz (?Samstag Abend in unserer Straße?, 1973). Trotz der hohen Reputation, die er mit derartigen, zumeist sehr sympathischen Pop/Schlager-Verschnitten ? in punkto Qualität durchaus zurecht ? erzielte, schwebten dem passionierten Motorradfahrer von jeher damit nicht vergleichbare Stilmittel der Populärmusik vor, mit denen er seine stets anwachsende Fangemeinde in seinen Bann ziehen wollte. Nachdem er im März 1978, während seiner zweiten Deutschlandtournee, die Pädagogikstudentin Chris Heinze kennengelernt hatte, krempelte Maffay sein (nicht nur) musikalisches Leben vollkommen um. Er trennte sich von seinen bisherigen Textern Joachim Heider und Gregor Rottschalk (alias Christian Heilburg), kündigte den Vertrag mit dem hanseatischen Konzertmanager Hans-Werner Funke, sagte eine geplante Folgetournee ab und stieg für ein Jahr mit allen Konsequenzen aus dem harten Showgeschäft aus. Er reiste zusammen mit seiner Noch-Ehefrau Petra durch die Sahara, flog nach Südamerika, auf die Falklandinseln, nach Feuerland und in die Antarktis. Auf dieser Weltumrundung schöpfte er Kraft und Inspiration für sein kommendes Schallplatten-Projekt, das nicht nur einen gänzlich neuen Peter Maffay zutage förderte, sondern zugleich dessen endgültigen, unwiderruflichen Durchbruch bedeutete bzw. den radikalen Ausbruch aus der eher braven Schlagerszene, hinein in gehobenes Rockumfeld einläuten sollte.
?Steppenwolf? hieß das Resultat, das Maffay im Januar/Februar 1979 im Studio eingespielt hatte. Begleitet wurde er dabei von nahezu sämtlichen Mitgliedern aus Udo Lindenbergs Panikorchester, was dessen Chef alles andere als genehm war, da nicht nur Udo, sondern die gesamte kleine, aber feine Deutschrock-Fraktion jener Tage den Ex-?Schnulzenheini? Maffay keinesfalls ernstnehmen oder sogar als einen der ihren akzeptieren wollte. Allen Unkenrufen zum Trotz, geriet ?Steppenwolf? zu einem phänomenalen Glanzlicht, erklomm kurz nach Veröffentlichung den ersten Rang der deutschen LP-Charts und wurde sogleich von über 250.000 begeisterten Bundesbürgern nur allzu gern erworben. Daraus folgte: Schon drei Monate nach Erscheinen erhielt Peter Maffay die erste Goldene Schallplatte seines Lebens für eine LP verliehen. Insgesamt 1.5 Millionen Käufer fand ?Steppenwolf? alleine 1979. Ergo gedachte SONY-BMG bei der Zusammenstellung ihrer aktuellen, elfteiligen Sammler-Edition ?Pures Gold? auch und gerade jener Scheibe, die für ihren Interpreten vor inzwischen sage und schreibe 27 Jahren den Übergang aus dem leichtgewichtigen Pop-Schlager-Metier in klassische, aussagekräftige Rockgefilde eröffnen sollte. Eine Neuauflage von ?Steppenwolf? gibt es seit wenigen Wochen zu einem Sonderpreis von etwa 14 Euro als Original-Musik-CD in besonderer Aufmachung, die hinsichtlich Form und Ausstattung an die ursprüngliche Goldene Schallplatte angelehnt ist.
Zwölf Songs beinhaltet das längst als Meilenstein der deutschen Rockgeschichte eingestufte Werk. Diese wurden fast durchgehend von Maffay eigenständig komponiert, nur die gemächliche Ballade ?Jane? ist die deutsche Version eines Songs des hierzulande nur wenig bekannten US-Rockers Burton Cummings. Die Texte stammen überwiegend aus der Feder von Ralph Siegels musikalischem Langzeitpartner Dr. Bernd Meinunger, vier Kompositionen betextete Country-Liedermacher Volker Lechtenbrink. Musikalisch betrachtet, hatten so leichte wie oft seichte Schnulzen beinahe vollständig ausgedient. Einzig der matte Gitarrenschlager ?Liebling, wach auf? erinnert unglücklich an den wandlungswilligen, aber noch nicht -fähigen Maffay vor seiner einjährigen Auszeit. Ansonsten wird auf ?Steppenwolf? zumeist kroß, ehrlich und erdig auf Gitarrenbasis gerockt. Im schnellen, aufrüttelnden Titelsong huldigt der seinerzeit erstmals mit Lederjacke und Nietengürtel bekleidete Sänger und Gitarrist einem freiheitsdurstigen, unangepaßten Outlaw, der ?den anderen viel zu anders? (Textzitat) war. Der stets nur im Hintergrund einer umjubelten Rockband agierende und vielfach daran seelisch zerbrechende ?Roadie? bietet die lyrische Grundlage eines weiteren kräftigen Bluesrockers der LP. Übermäßig pathetische, klischeevolle und dröge Kapitalismuskritik verbrät Maffay dagegen im davon abgesehen allerdings munter und eindringlich vor sich hin rockenden Eröffnungsstück ?So nicht?.
Zum Überflieger schlechthin avancierte die erste Singleauskoppelung: ?So bist Du?, länger als fünf Minuten ausschweifend, stellt eine ergreifende Mischung aus Rock, Blues und Ballade dar. Diese lebt von ihrer einerseits einschmeichelnden, andererseits emotional zutiefst aufwühlenden Melodieführung, einem den Punkt haargenau treffenden Liebestext von Bernd Meinunger und einem grandiosen Saxophonsolo, dargeboten von Eddie Taylor. 43 Wochen hielt sich ?So bist Du? in den einheimischen Singlehitlisten; davon verbrachte die Platte im Hochsommer 1979 drei auf der Spitzenposition. Die LP belegte zeitgleich den ersten Rang der Albumcharts. Ein massiver Fernseheinsatz ? u.a. in ?Pop 79?, ?Hitparade im ZDF?, ?Rockpop?, ?Bios Bahnhof? oder ?Bitte umblättern? ? tat übriges, um Maffays schmucke Bluesballade zu einem der bedeutsamsten Klassiker seiner künstlerischen Laufbahn werden zu lassen, die bis 2005 in keinem Tourneeprogramm fehlen darf. In der Jahresendauswertung der Media-Control-Listen 1979 belegte ?So bist Du? unangefochten den ersten Platz, weit vor angesagten Disco- (?Village People?, Patrick Hernandez) und New-Wave-Spezialisten (?Blondie?), und wurde zusätzlich von der Deutschen Phonoakademie als ?Single des Jahres? ausgezeichnet.
Im Herbst selbigen Jahres kam Single Numero Zwei auf den Markt, eine grazile, intime, nächtlich-surreale Pianoballade, zu der Maffays Hamburger Freund und Kollege Volker Lechtenbrink einfühlsame, zum Mitleiden animierende Zeilen über eine jugendliche Selbstmordkandidatin beigesteuert hatte, die vom Protagonisten des Songs schlußendlich von der Straße geholt, mit dessen Liebe überschüttet und somit von ihrem Vorhaben abgehalten wird. Pures Pathos zwar, aber auf phantastische, herzzerreißende Weise umgesetzt und inszeniert, weshalb sich ?Du hattest keine Tränen mehr? ? so der Titel der phänomenalen Maffay/Lechtenbrink-Kooperation ? ebenfalls zu einem einträglichen Erfolg in den Singlecharts entwickelte. Was die dritte 45er aus ?Steppenwolf? betraf, so suchten die Verantwortlichen von Maffays damaliger Plattenfirma TelDec die atmosphärische, abgeklärte Countryballade ?Spuren einer Nacht? heraus, die von einem Mann berichtete, der am frühesten Morgen, bei Anbruch der ersten Sonnenstrahlen, nach Hause kommt, nachdem er in den Stunden zuvor alles, was er besaß, beim Kartenspiel verloren hatte. Im Vergleich dazu leider nur Durchschnitt: die nicht selten (vor allem lyrisch) banalen Mid-Tempo-Poprocker ?Mach?s gut, mein Freund?, ?Auf dem Weg zu mir? oder ? vor gutmenschlichen Klischees nur so überquellend ? ?Wahrheit?.
?Steppenwolf? gilt als erstes Lebenszeichen des heutzutage so geschätzten und beliebten Deutschrockers Peter Maffay. Ein halbes Jahrzehnt vor so angesehenen Genre-Kollegen wie Klaus Lage, Wolf Maahn oder Herbert Grönemeyer, tat der singende Freiheits-Prediger erste wichtige und richtige Schritte, um die Hörgewohnheiten des schlagerliebenden Mainstream-Publikums mit denen der traditionellen Rockfreaks und Gitarrenliebhaber zu versöhnen. Bei weitem nicht alle Songs des knapp 50minütigen Opus konnten bereits als das sprichwörtliche ?Gelbe vom Ei? bezeichnet werden, allzu häufig hatte Maffay deutlich vernehmbar Schwierigkeiten, seine bisherigen, ab und zu stark trivialen Schlagerformulierungen gegen politische, gesellschaftskritische Untertöne einzutauschen. ?Steppenwolf? ließ aber kaum ein Jahr darauf den nahezu perfekten Rock-Höhepunkt ?Revanche? folgen, der schnurstracks zu Maffays 1982er-Meisterwerk ?Ich will leben? führte, das ihn nun endgültig als überzeugt überzeugenden Politrocker bester Qualität etablierte, der jedoch niemals die liebevolle Erwähnung und positive Beschreibung von Gefühlen und Zwischenmenschlichem in seinen immer kompakteren, mehr und mehr ausgetüftelten und straighter arrangierten Rocksongs vergaß. So bleibt ?Steppenwolf? eine über weite Strecken überaus gelungene und anspruchsvolle klangliche Zäsur in der Karriere des unverwüstlichen Peter Maffay, die in jede gutsortierte Plattensammlung gehört und ihrem Erschaffer bis in die Jetztzeit hinein über 35 Millionen verkaufte Tonträger und rund 15 weitere Goldene Schallplatten für seine kreativen Auswürfe im Anschluß an vorliegenden stilbezogenen Auf- und Ausbruch garantierte.
Gesamtnote: 2
(Holger Stürenburg, 25./26. Dezember 2005)
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