Nino de Angelo - Un Momento Italiano
Zwischen 1975 und 1985 erwiesen sich gerade hierzulande schnittige wie auch verträumte Popsongs italienischer Herkunft als überaus erfolgreich. Besonders in den (nicht selten verregneten) Sommermonaten trugen mediterrane Chansons, Schlager und Popohrwürmer eine gute Prise romantischer Urlaubsstimmung in die bundesdeutschen Wohnzimmer. Bands wie ?I Santo California?, ?Ricci e Poveri? oder ?Al Bano & Romina Power? bzw. Solointerpreten der Sorte Pupo, Umberto Tozzi, Claudia Mori oder Riccardo Fogli sangen nahezu ausschließlich in ihrer Muttersprache und stürmten mit ihren stets melodiösen, eingängigen, oft durchaus fundamentalen Popkreationen häufig die höchsten Ränge der hiesigen Hitparaden. Viele dieser Lieder, die von der Industrie unter der Bezeichnung ?Italo-Pop? erfolgreich an den/die Deutsche/n gebracht wurden, gerieten sogar gleich doppelt zum Hit: Zunächst im in der Landessprache gesungenen Original, kaum später in einer Zweitfassung mit deutschem Text. Eine Unmenge noch heute bekannter und beliebter Schlager jener Tage basierten auf italienischen Sommerhits. Pupos düstere Ballade ?Su Di noi? wurde bei Howard Carpendale zum depressiven Scheidungsdrama ?Wer von uns? (1981); aus Alan Sorrentis ?Forse? machte der umschwärmte Popentertainer aus Kapstadt ?Wie frei willst Du sein? (1980), während das Gesangsduo ?Hoffmann & Hoffmann? Sorrentis ?Tu sei l´unica Donna per me? zum noch heute als Schlagerparty-Tanzflächenfüller geltenden Schnaderlhüpferl ?Alles, was ich brauche, bist Du? ummodelte. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre jedoch versandete die Italo-Welle schnell wieder. Nur wenige reale Stars aus dem Lande von Pizza, Mafia und Berlusconi blieben den deutschen Hitlisten erhalten. Diese hießen Gianna Nannini, Eduardo Bennato, Zucchero oder Eros Ramazotti und waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mehr im Rockgenre zu Hause als in der leichten Muse des Südseeschlagers.
So weit, so gut. Eines schönen Wintertages, zu Jahresbeginn 2004, saß ein weiterer, sehr bekannter Musiker italienischer Abstammung, gemeinsam mit seinem Freund Moshe Fleischer, in seiner Kölner Lieblingspizzeria. Gebeutelt von Finanzskandalen und Insolvenzgerüchten (die die Bild-Zeitung in ihrer typischen Manier noch weitaus dramatischer darstellte, als sie in Wirklichkeit waren), erhob sich erwähnter Sänger plötzlich von seinem Stuhl, ließ seine Pizza erkalten und sang vor 30 begeisterten Zuschauern in dem kleinen Domstadt-Lokal allseits bekannte Popklassiker aus seinem Heimatlande. In jenen Sekunden wurde die Idee für ein Album geboren, das dieser Tage bei KOCH/Universal auf den Markt kommt. Die CD trägt den Titel ?Un Momento Italiano? ? der Interpret ist niemand geringeres als Nino de Angelo.
Satt hatte es der heute 41jährige, seit langsam über 20 Jahren auf seinen monumentalen Nummer-1-Hit ?Jenseits von Eden? (1983) reduziert zu werden, so daß er in letzter Zeit zunehmend das Experimentieren begann, um dieses zwar einträgliche, aber auf die Dauer künstlerisch hemmende Image des ewig strahlenden Schlagerjünglings schleunigst loszuwerden. Bereits vor einem Jahr hatte Nino für das hervorragende Album ?Zurück nach Vorn? (Koch/Universal) seine großen Hits der frühen Jahre in einerseits pragmatischen, andererseits neuartig-mitreißenden Bearbeitungen zwischen Pop, Rock und Soul neu eingespielt. 2004 nahm er sich als Folge des legendären (leider auf keinem Bootleg festgehaltenen) Stehgreifauftritts in der Kölner Pizzeria insgesamt 13 Songs aus 30 Jahren italienischer Popgeschichte vor, versah diese ? unterstützt vom italienischen Produzentenduo Fratelli Pazzi & Fratelli Corleone ? mit fast durchgehend hochspannenden, aktuellen, aber nicht modernistisch-plumpen Arrangements und steckte seine gesamte Seele sowie sämtliche Facetten seiner weiterhin extrem kraftvollen Stimme in diesen ungewöhnlichen Versuch. Heraus kam dabei ein rund 50minütiges Album, mit dem Nino nun endgültig und ein für alle mal beweist, daß er wahrlich kein Schlagerfuzzi für den Einmal-Gebrauch ist, sondern ein anspruchsvoller Popchansonnier mit Hunderten Ideen im Kopf, von immenser musikalischer Kreativität beseelt und mit weitreichender künstlerischer Zukunft ausgestattet. Von schmusig-sanft bis heiser-rockig begibt sich Nino auf eine musikalische Zeitreise in seine Kindheit und Jugend, als die meisten der von ihm neu interpretierten Songs europaweite Hits waren.
?Su Di noi? (Pupo) avanciert 2004 zu einer aufwiegelnden Rockballade mit kreischenden E-Gitarren; ?Storie Di tutti I giorni? (R. Fogli) gibt in Ninos Version noch mehr von der Ruhe- und Rastlosigkeit der Nacht preis als das ohnehin schon sehr hochwertige Original, mit dem Fogli 1982 beim Grand Prix Eurovision zwar nicht ?Friedenstäubchen? Nicole den Thron streitig machen konnte, aber im Anschluß an die Veranstaltung in Harrogate einen europaweit angesehenen Sommerhit ablieferte. Mit banalem Schlagertralala hat Alan Sorrentis ?Tu Sei l´unica Donna per me? nichts mehr zu tun. Nino schleppt den Ohrwurm ohne viel Mühe von einer kleinstädtischen Strandpromenade in (neudeutsch formuliert) ?sophisticated? Kreise einer Metropole. Das vielen Zeitgenossen als unerträglich geltende Nümmerchen ?Tornero? (I Santo California, 1976) wird von Nino aller Schwülstigkeit und plakativer Seichtheit beraubt, und erwächst zu einer herzzerreißenden, latent rockenden Schmuseballade erster Güteklasse. Dunkel, düster, abgeklärt erklingt Loretta Goggis Ein-Hit-Wunder ?Maledetta Primavera? (1981), das den meisten von uns eher in Caterina Valentes deutscher Version ?Das kommt nie wieder? ein Begriff sein dürfte. Recht nah an Umberto Tozzis rocklastigen Original bleibt Nino hingegen bei seiner Neueinspielung von dessen 88er-Hit ?Gente Di Mare?. Alan Sorrentis ?Forse? avanciert schlußendlich vom leichtfüßigen Popgassenhauer zum kosmopolitischen Großstadtschlager. Natürlich kommt Nino de Angelo auf ?Un Momento Italiano? nicht umhin, dem unumgänglichen ?Jenseits von Eden? in der (bereits 1984/85 erstmals von ihm veröffentlichten) italienischen Version ?La Valle del Eden? ausführlich zu huldigen. Doch es gelingt dem einstigen Karatejugendmeister und Formel-Eins-Fan, auch diesem, ihn scheinbar ewig verfolgenden ?Stigma in Noten? viele neuartige, interessante Momente abzugewinnen und im Gegenzug überdrüssige, tausendfach gehörte Elemente gänzlich zu entfernen. Zusätzlich gibt es Ninos 2003er-Hit ?Laß uns fliegen?, von ihm selbst komponiert und getextet, in italienischer Sprache unter dem Titel ?Principessa Del Mio Cuore? zu hören.
Aus dieser Spitzenkollektion italienischer Pophistorie besitzen nur zwei ? bzw. eher eineinhalb ? Songs einen nicht so sympathischen Beigeschmack. Zuccheros ?I´m in Trouble (Ahum)? hat Nino gemeinsam mit Juliette eingesungen: Ein typischer, zeitgeistig-seichter Soulpop-Verschnitt ohne allzu langes Haltbarkeitsdatum war das unnötige Ergebnis. Adriano Celentanos Welterfolg ?Una festa sui prati? erhielt ein durchaus intelligentes, treibendes, leicht souliges Arrangement verpaßt, das zunächst sehr vielversprechend erklingt. Aber, wer um alles in der Welt drängte Nino und die beiden ?Fratellis? dazu, die Saxophonparts dem unpersönlichen Synthesizer zu entlocken, anstatt echte, heiße Bläser zu nutzen?? Durch dieses Manko büßt die Neuaufnahme eine Menge an Originalität, Gefühl und Stimmung ein.
Schon das Cover der ansonsten höchst empfehlenswerten CD zeigt einen vom Leben geprägten, leicht brüchigen Chansonnier, der voll und ganz hinter dem steht, was er fühlt, ausdrückt und singt. Der endgültige Abschluß des Weges vom austauschbaren Schlagersänger hin zum gestandenen Pop/Rocker internationaler Reputation ist Nino de Angelo mit diesem Album mehr als nur gelungen. Und noch eines ist aus ?Un Momento Italiano? herauszuhören: Es gab Italo-Pop, Italo-Chanson, Italo-Disco, meinetwegen Italo-Rock… Nino de Angelos ?italienischer Moment? legt den Grundstein für eine völlig neue Stilrichtung: den Italo-Blues ? gefühlvoll, intensiv, urban, nächtlich, weltmännisch, aber niemals die italienischen Wurzeln verleugnend!
(Gesamtnote: 1 bis 2) (Holger Stürenburg, 04./05. Juni 2004)
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