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Nicole “Best of - Die ultimative Best of 1982-2005″

Von Diverse

Die am 25. Oktober 1964 in Saarbrücken geborene Nicole Hohloch, seit 1984 verheiratete Seibert, ist mit Fug und Recht als eine der erfolgreichsten und langlebigsten deutschen Schlagersängerinnen zu bezeichnen. Die mittelblonde Sangesdame erzielte 14 mal den ersten Platz in der “Hitparade im ZDF”, zog 1991 als Siegerin des Ersten Deutschen Songfestivals “Schlager ´91″ von dannen und hatte bereits 1982, im zarten Alter von kaum 17 Jahren, zum ersten und bislang einzigen Mal den “Grand Prix Eurovision de le Chanson” für Deutschland gewinnen können.
Seitdem sie 1980 von dem Schlagerproduzenten Robert Jung auf einem Liederfestival in Schwäbisch-Hall entdeckt wurde, stand die heute 40jährige Mutter zweier Kinder bei “Jupiter Records”, dem Label des Münchener Musikmoguls Ralph Siegel, unter Vertrag und ließ sich von diesem, zumeist in Kooperation mit dessen Langzeit-Lyriker Bernd Meinunger, 23 Jahre lang einen Hit nach dem anderen auf ihren zarten Leib schneidern. Vor rund zwölf Monaten beendete Nicole die stets sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Schlager-Dreamteam aus der Isar-Metropole. Sie verließ “Jupiter Records” und setzte im Sommer diesen Jahres mit ihrer aktuellen CD “Alles fließt” bei einem neuen Musikverlag namens “Avenue-Music” ihre Karriere fort. Die 19 wichtigsten, bekanntesten und hitträchtigsten Lieder aus jener Phase, die sie unter den Fittichen Ralph Siegels verbrachte, ergänzt durch den radiotauglichen Titelsong von “Alles fließt”, versammelt (bedauerlicherweise nicht in chronologischer Reihenfolge) die mit über 75 Minuten Gesamtspielzeit proppevolle CD-Retrospektive “Best of - Die Ultimative Best of 1982-2005″, die am 19. September 2005 bei Ariola/SONY-BMG auf den Markt kommt. Grund genug, Nicoles künstlerische Entwicklung genauer unter die Lupe zu nehmen. Die allererste Single der Saarländerin, “Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund”, erschien im Frühjahr 1981 und zeigte sich sogleich als phänomenaler Einstieg. Die von Mentor Robert Jung und dessen kreativem Kompagnon Jean Frankfurter verfaßte Gitarrenballade, die in ihrem niedlich-schulmädchenhaften Text vor riskanten Höhenflügen und unnötigen Grenzüberschreitungen warnt, zog im Juli 1981 in die deutschen Singlecharts ein, erzielte dort einen überwältigenden Rang Zwei und konnte über zwei Monate lang in den Top 10 verweilen. Es folgten gefeierte TV-Auftritte z.B. in der “Hitparade im ZDF” (die die damalige Zehntkläßlerin am 10. August 1981 sofort für sich entscheiden konnte), in Hans Rosenthals legendärer Spielshow “Dalli, Dalli” oder Ilja Richters dümmlichem Popkuddelmuddel “Disco”. Zum Jahresende 1981 stand fest, daß die deutsche Schlagerszene einen neuen Star hervorgebracht hatte. Siegel/Meinunger fackelten nicht lange und schickten ihren Schützling am 24. März 1982 zur Deutschen Vorentscheidung des Grand Prix Eurovision de la Chanson in die Münchener Rudi-Sedlmayer-Halle. Gegen veritable Konkurrenz - z.B. Marianne Rosenberg, Mary Roos, Gottlieb Wendehals, Hannes Schöner oder Paola - konnte sich die oft sehr schüchtern wirkende 17jährige mit der weißen Gitarre anstandslos durchsetzen, obgleich es Gerüchte gibt, daß es nur dem Einsatz von Jurorin Katja Ebstein zu verdanken war, daß Nicole auf diesem Wettbewerb überhaupt auftreten durfte. Grund für Nicoles eindrucksvollen Sieg: das von Siegel/Meinunger für sie geschriebene Popchanson “Ein bißchen Frieden”, das auf “Best of 1982-2005″ allerdings nicht in der historischen Originalversion berücksichtigt wurde, sondern in einem zwar sehr raren, musikalisch aber alles andere als berauschenden, sämig-poppigen, kommerz- und formatradiogerecht verkleisterten “Millenniums-Mix” den Weg auf die brandneue Nicole-Kompilation fand. Die europäische Endausscheidung, die am 24. April 1982 im britischen Harrogate über die Bühne ging, konnte die junge Sängerin ebenfalls haushoch gewinnen: 61 Punkte trennten sie vom zweitplazierten Interpreten. “Ein bißchen Frieden” hatte europaweit das von Kriegssorgen, Zukunftsangst und Nachrüstungsdebatte gekennzeichnete Gefühl vieler Menschen auf den Punkt gebracht. Im Gegensatz zu den vielen Zeigefinger-Rockern von Friedensbewegung und “Krefelder Appell”, forderte der kreuzbrave Teenager nur “ein bißchen Frieden”, der bereits in der Familie, im Freundeskreis, im näheren Umfeld beginnen sollte. Von den Weltmächten und ihrem Rüstungswettlauf war im Text keinerlei Rede. Trotzdem spürten die meisten, was das unscheinbare Mädchen ausdrücken wollte, so daß ihr gitarrenbetonter Schlager nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern (in der jeweiligen Landessprache gesungen) zu einem großen Hit geriet, so z.B. in Großbritannien, wo “A little Peace” im Mai 1982 zwei Wochen lang die Charts anführte. Es folgten, nur wenige Wochen nach dem furiosen Grand-Prix-Erfolg, die Hit-LP “Ein bißchen Frieden” und im September die freundlich-sehnsüchtige Ohrwurmsingle “Papillon”; die hierzulande bis auf Rang 23 steigen konnte und auf vorliegender Best-of-CD in einer vielgesuchten französischen Fassung enthalten ist. Zwecks TV-Promotion von “Papillon” trat Nicole am 4. September 1982 in Frank Elstners TV-Spektakel “Wetten, daß” auf. Auch Stephan Remmler, Frontmann der seinerzeit sehr angesehenen NDW-Combo “Trio”, war in jener Sendung zu Gast. Als dieser die von ihm vorgestellte Wette verlor - ein paar Hausfrauen gaben an, schneller Reifen wechseln zu können, als die Profis vom “AvD” -, kündigte er an, zur Begleichung seiner Wettschuld, gemeinsam mit seinen Bandkumpels Gerd “Kralle” Krawinkel und Peter Behrens, den Background-Gesang auf einer der nächsten Singles von Nicole zu übernehmen. Gesagt, getan: Im - ebenfalls von Frank Elstner moderierten - TV-Jahresrückblick “Menschen `82″ am 8. Januar 1983, präsentierte die Sängerin in Begleitung der drei NDW-Heroen ihr neuestes Lied “Ich hab Dich doch lieb”. Der temporeiche Discoschlager erwies sich als einer der beliebtesten deutschen Popsongs des Frühjahrs 1983. Er zog im Februar bis auf Rang Acht der Singlehitlisten und erwuchs darüber hinaus zu einem Megahit in den Rundfunkcharts. Im Herbst 1983 stellte Nicole ihr drittes, wiederum von Siegel/Meinunger, unterstützt von Robert Jung, konzipiertes Album “So viele Lieder sind in mir” vor. Der etwas arg betroffene Ökoschlager “Wenn die Blumen weinen könnten”, der im September 1983 knapp die Top 50 erreichte, schaffte den Sprung auf “Best of 1982-2005″, ebenso das Titellied genannter LP, eine feudale Popballade, die hierfür - zur Freude vieler Fans - in der überaus raren englischgesungnen Fassung “So many Songs are in my Heart” hervorgezaubert wurde. Da die feenhafte Popchanteuse 1984 ihr Abitur zu absolvieren gedachte und kurz darauf ihre Jugendliebe, den Autoverkäufer Wolfgang Seibert, ehelichte, mußte ihre Musikkarriere im Orwell-Jahr für eine gewisse Zeit hinter Privates zurücktreten. Es erschien von Nicole ausschließlich eine Weihnachts-LP, bevor sie 1985 erneut einen überzeugenden Hit landen konnte: Die melancholisch-abgeklärte Popnummer “Allein in Griechenland” gewann am 20. August die “Hitparade im ZDF”, entwickelte sich auf diese Weise zu einem verspäteten Sommerhit, erreichte gut die Top 50 der Singlecharts, und machte außerdem Appetit auf Nicoles fünftes Album “Gesichter der Liebe”. Auch 1986 bestieg die inzwischen 21jährige Schlagerschönheit das Siegertreppchen des ZDF-Hitreigens: In dessen Juli-Ausgabe ließ der betont rockige Reggaeverschnitt “Laß mich nicht allein”, zugleich Titelsong von Nicoles 86er-LP, alle Mitbewerber weit hinter sich und konnte sich binnen Monatsfrist zusätzlich in den Media-Control-Charts bis auf Rang 22 hocharbeiten. Ein Jahr später gelang Frau Seibert mit der auf Deutsch, Englisch und Französisch intonierten Edelschnulze “Song for the World” ein letzter aufsehenerregender Erfolg in den 80er Jahren. Zum Ende der kühlen Dekade schien Nicole immer mehr in der zweiten Reihe der einheimischen SchlagerbardInnen zu stranden. Zwar erblickten weiterhin reihenweise Singles und LPs des sympathischen Twens das Licht der Welt, aber diese hinterließen sämtlich keinen größeren Nachhall bei den Popfans. Nicoles übermäßig braves Image zwischen leicht verbitterter Unschuld und mimosenhafter Unberührbarkeit hatte sich nach und nach totgelaufen, weshalb aus den Jahren 1988 bis 1991 auch kein einziges ihrer Lieder auf “Best of 1982-2005″ auftaucht. Erst 1992 tat sich eine vollkommen erneuerte, kaum wiederzuerkennende Nicole in der Musikszene hervor. Die mittlerweile 26jährige stellte sich als selbstbewußte, offensive, durchaus erotische Frau dar, die frech, gewitzt und zu weitaus rockigeren, flotteren Rhythmen als zuvor über Liebe, Sex und Zärtlichkeit trällerte. Der kesse Discorocker “Mit Dir vielleicht” wurde im Sommer 1992 zum radikalen Abräumer-Hit in Discos und auf Schlagerpartys, “Mach, was Du willst”, die zweite 45er im neuen Sound, war im darauffolgenden Herbst aus den meisten Radioprogrammen nicht wegzudenken, Nicoles erste Hitkoppelung “Augenblicke - Meine schönsten Lieder” erklomm Rang 17 der LP-Hitparaden und wurde nur wenig später mit einer ?Goldenen Schallplatte` ausgezeichnet. Die ebenso fordernde wie liebevolle Single “Dann küß mich doch” stand im Sommer 1993 ihren beiden Vorgängern in nichts nach und avancierte zu einem vielgespielten Rundfunkhit, der natürlich auch diesmal die inzwischen von Uwe Hübner moderierte “Hitparade im ZDF” im Sturm nehmen konnte. Im weiteren Verlauf der 90er Jahre veröffentlichte Nicole Poppig-Tanzbares (”Voulez-Vous Danser…”, 1996) neben Balladesk-Verträumtem (”Halt Dich fest”, 1998) oder knackig Rockigem (”Und außerdem hab ich Dich lieb”, 1994, “Wer schläft schon gern allein?”, 1998, “Abrakadabra”, dto.), was allerdings größtenteils nur noch im speziellen Schlagerumfeld zum Tragen kam und die Verkaufshitparaden zumeist verfehlte. Auch die pathetische Ballade “Mehr als ein bißchen Frieden”, eine 1995 aufgenommene “Fortsetzung” ihres 82er-Welthits, war künstlerisch wie kommerziell eine reine Farce, obwohl Nicole auch Dank dieses Liedes wiederum mehrfach Nummer Eins bei Uwe Hübner werden konnte. Ob sich ihre mit “Alles fließt” erst vor wenigen Wochen begonnene Hinwendung zu souligem Chartspop mit esoterischen Textinhalten als rentabel erweisen und an vergangene Erfolge anschließen können wird, dürfte sich in den nächsten Monaten herausstellen.
Musikalisch gibt es an “Best of - Die ultimative Best of 1982-2005″ kaum etwas auszusetzen. Selbstverständlich mag mancher Beinhart-Fan oder Musikgeschichtler das Fehlen des einen oder anderen Singlehits bedauern, oder hätte man von “Ein bißchen Frieden” wirklich liebend gerne das so schüchtern-ehrliche Original (ggf. in der seltenen, über vierminütigen mehrsprachigen Maxiversion) gehört - trotzdem kommt der Schlagerfan mittels vorliegender Silberscheibe voll und ganz auf seine Kosten: Der biederen Gymnasiastin der frühen Jahre, die offenkundig kein Wässerchen zu trüben in der Lage war, wird auf “Best of” genauso gehuldigt, wie der offenherzigen, auftrumpfenden Discopopperin der beginnenden 90er und der musikalisch zwar recht mainstreamorientierten, lyrisch aber zunehmend anspruchsvolleren Schlagerlady der Jetztzeit. Problematisch sind dagegen Fehler auf dem Cover bzw. im Booklet. Zum einen ist der Untertitel “Best of 1982-2005″ völlig unzutreffend, da Nicoles auf der CD enthaltenes Debüt “Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund” bekanntlich schon 1981 (!) für Furore sorgte. Weiters wird auf der CD-Rückseite Track 11 (”Dann küß mich doch”) gar nicht erst aufgeführt, während man im Beiheft die 1983 erschienene Single “Wenn die Blumen weinen könnten” urplötzlich nach 1982 verfrachtet. Von solchen (bei einer Zweitauflage jedoch jederzeit verbesserbaren) Mißständen abgesehen, bietet “Best of - Die ultimative Best-of 1982-2005″ Eineinviertelstunden lang pures, durch keinerlei Längen oder mittelmäßiges Füllmaterial getrübtes Hör- und Tanzvergnügen für alle Freunde fröhlicher, sinnlicher, eingängiger, mitreißender und durchweg qualitativ hochwertiger deutscher Unterhaltungsmusik im Spannungsfeld zwischen Schlager und Pop!
Gesamtnote: 2plus
(Holger Stürenburg, 14./15.09.2005)

Artikel vom 23. September 2005

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