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Konzert - Roland Kaiser 14.03.2005 - Hamburg - CCH Saal II

Von Diverse

Schade - es hätte eine so mitreißende und ergiebige Reise in die Vergangenheit werden können, eine ?Sentimental Journey` in Kindheit und Jugend der rund 2000 - in der Mehrzahl weiblichen - Fans, die am vergangenen Montag (14.03.2005) den Weg ins Hamburger Congress Centrum (CCH) gefunden hatten. Sie alle waren gekommen, um gemeinsam mit ihrem Idol Roland Kaiser dessen 30jähriges Bühnenjubiläum zu feiern. Denn vor etwas mehr als 30 Jahren hatte der umschwärmte Pop-Erotomane seine allererste Single “Was ist wohl aus ihr geworden?” auf den Markt gebracht. Nach ein paar genreüblichen Anfangsschwierigkeiten im Zuge der längst erfolgreich abgeschlossenen Suche nach dem passenden Image, hat der 1952 als Roland Keiler geborene Pop-Charmeur spätestens seit seinem ersten und einzigen Nummer-Eins-Hit “Santa Maria”, der im Herbst 1980 nahezu alle einheimischen Musikfreunde jeglicher Altersstufen vom Hocker riß und wochenlang Hitparaden und Radios in Beschlag nahm, deutsche Popgeschichte geschrieben. Dies kann man, ohne zu übertreiben, behaupten. Von einem konventionellen Allerwelts-Schlagersänger, derer es hierzulande Tausende gibt, entwickelte sich der gelernte Kaufmann und einstige Chef eines Berliner Autohauses zu einem exzellenten Popentertainer von Weltklasseformat, mit stark ausgeprägtem Hang zu prickelnden, verträumten und doch wirklichkeitsnahen Texten, auf der Basis gediegener, oft sogar feudaler Melodien zwischen sanften, aber zuletzt häufiger denn je deutlich spürbaren Rockanleihen, feinsten Popklängen und großspurigem US-amerikanischen Balladenfeeling voller Erotik, Urbanität und klassischem Gentleman-Ambiente.
25 seiner 34 Lebensjahre hat auch der Verfasser dieser Zeilen “Haut an Haut” mit der Musik Roland Kaisers verbracht. Viele spannende Erinnerungen an Kindheits- und Jugenderlebnisse sind eng mit den Evergreens des 53jährigen Showstars verknüpft, die der Verfasser hoffte, an jenem Konzertabend im Saal II des CCH so originalgetreu wie melancholisch nachempfinden zu können. Denn Kaiser hatte angekündigt, auf seiner Jubiläumstournee ausschließlich solche Lieder aufzuführen, die er in den vergangenen 30 Jahren als Single veröffentlicht hat und in den hiesigen Hitlisten plazieren konnte. Kein einziger LP-Titel, der womöglich nur dem Spezialisten oder Beinhart-Anhänger ein Begriff ist, sollte den Hitreigen stören.
So waren nicht nur des Rezensenten Erwartungen sehr hoch, als kurz nach 20.00 Uhr die Lichter im durchaus gutgefüllten, laut Aussage des Veranstalters fast ausverkauften CCH langsam, aber sicher, ausgingen. Auf der Bühne war eine Gemütlichkeit und Vertraulichkeit ausstrahlende Kneipenkulisse aufgebaut worden; vom Band ertönte für schummrige Lokale zu später Stunde übliches Gebrabbel, Gepischper und Gelächter, sechs Musiker (2 x key, 2 x git, b, dr) und zwei bildhübsche Chorsängerinnen betraten das Geschehen und setzten an mit den ersten Takten des 88er-Ohrwurms “Ich glaub, es geht schon wieder los”. Kurz darauf erschien der Kaiser des deutschen Schmusepop höchstpersönlich. Lauter Jubel brandete auf - doch, was war das? Statt seiner so einschmeichelnden wie aussagekräftigen, stets coolen und weltmännisch wirkenden, schlicht faszinierenden und in der deutschen Popszene konkurrenzlosen Stimme, brachte der erfolgsverwöhnte Sänger, Texter und Produzent kaum mehr als Gekrächze und heisere Töne aus seinem Mund. Dabei könne es sich nur um eine lampenfieberbedingte Unsicherheit handeln, die sich nach ein, zwei Songs zum “Warmsingen” wieder verflüchtigen würde, hofften nicht wenige im Saal. Doch als Kaiser nach dem flotten, treibenden 92er-Beinahe-Rockhymnus “Sag niemals nie” die ersten Worte zum Publikum sprach bzw. sprechen wollte, stellte sich schnell heraus: Der Mann ist total erkältet, leidet an hochgradiger Heiserkeit, die früher oder später in eine kräftige Stimmbandentzündung münden könnte… er haspelte sich eiligst durch den ersten Moderationstext, um schnell wieder in seine prachtvoll arrangierten Evergreens einzutauchen.
Diese hatte er auch tatsächlich in mehr als nur gekonnter Manier zusammengestellt. Es gab göttliche Schnulzen (”Frei - Das heißt allein”, 1976) und fetzige Stimmungshits (”Sieben Fässer Wein”, “Amore Mio”) aus Kaisers Frühzeit genauso zu hören wie Großstadtdisco- (”Hier fing alles an”, 1985) und pure New Romantic-Klänge (”Joana”, 1984) aus den neonhellen 80ern, darüber hinaus - natürlich - sein unumstößliches Erkennungszeichen “Santa Maria”, sowie Jazziges (”Südlich von mir”, 1992) und Pop/Rockiges (”Wind auf der Haut und Lisa”, 1990) aus der vergangenen Dekade: Tip Top Songs, gespielt von einer überaus versierten Truppe hervorragender Livemusiker - nur der umjubelte Frontmann strauchelte ein ums andere Mal. Mit einer erkältungsgeschwächten Nicht-Stimme beseelt, die kaum einen richtigen Ton traf und eine klangliche Mischung aus Joe Cocker in den besten und Daniel Küblböck in den grausigsten Momenten bot, war es ausschließlich den perfekt aufeinander eingestimmten Chorsängerinnen, dem musikalischen Direktor und Arrangeur Achim Götz und dem Mann am Mischpult, der von seinem Job wirklich etwas verstand, zu verdanken, daß Part Eins der insgesamt auf die Sekunde genau zweistündigen Roland-Kaiser-Show nicht im Debakel endete. Man konnte förmlich spüren, ja sogar anhand von Mimik und Gestik eindeutig erkennen, wie tapfer der Sänger mit sich selbst kämpfte. Er hielt sich krampfhaft am Mikrophon fest und lächelte häufiger denn je - nicht, um womöglich dem Publikum seine Zuneigung zu bezeugen, sondern schier aus stiller Dankbarkeit, wenn es ihm kurz zuvor gelungen war, eine schwierige Passage stimmlich einigermaßen bewältigen zu können. Natürlich ließen sich die Kaiser-Freunde in Parkett und Rängen nicht anmerken, daß ihr Schwarm eigentlich lieber mit Wärmflasche im Bett, statt ohne Stimme auf der Bühne stehen sollte, doch das spezielle Flair, das ansonsten ein jedes Konzert des seit einiger Zeit auf einem Dorf bei Münster lebenden Popstars durchzieht, dieses einmalige Eintauchen in die niemals schmierigen, stets so anspruchsvollen wie ansprechenden Gedanken und Obsessionen über die dunklen, leidenschaftlichen und erotischen Seiten der Nacht, fehlte Kaisers Hamburger Auftritt gänzlich.
Nach genau 60 Minuten verließ der Sänger eiligst die Bühne: Eine halbstündige Pause folgte nun stehenden Fußes, bevor weitere 13 Singlehits aus 30 Jahren Roland Kaiser angesagt waren. Es tut einem überzeugten, aber der Wahrheit verpflichteten Fan des Sängers, wie dem Rezensenten, sehr weh, an dieser Stelle darlegen zu müssen, daß sich der zweite Teil der Show tatsächlich häufig am Rande der Blamage bewegte. Kaiser hatte sich vor der Pause derart verausgabt, daß der Zeitraum zwischen Halbzehn bis Halbelf oft mehr an eine feuchtfröhliche Karaoke-Party erinnerte, denn an einen Auftritt eines seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Popszene hochgradig aktiven Profis. Phantastische Softrockballaden wie “Lieb mich ein letztes Mal” (1981) oder “Die Gefühle sind frei” (1983), Ewigkeitsohrwürmer der Sorte “Manchmal möchte ich schon mit Dir” (1982), knackige, hibbelige Discofetzer (”Sag ihm, daß ich Dich liebe”, 1996), schwülstiger Blues (”Was wäre wenn…”, 1993), feurige Latinospielereien (”Sie ließe sich so gerne fallen”, 2003) oder einfach Pop im besten Sinne des Wortes (”Midnight Lady - Einsam so wie ich”, 1986, “Haut an Haut”, 1987) verkamen so beinahe zur Parodie. Kaiser sang plötzlich eine Oktave tiefer, ließ schwerer zu intonierende Zeilen unter den Tisch fallen, preßte, ächzte… er dürfte heilfroh gewesen sein, als nach “Dich zu lieben” - seinem unvergeßlichen Discoklassiker aus dem Herbst 1981 - das Pflichtprogramm hinter ihm lag. Denn, was er zuvor geboten hatte, erfüllte nicht selten den Tatbestand der Peinlichkeit. Schleunigst drei Zugaben - “Schach matt” (1978), der arg unglückliche, penetrant griechisch angehauchte Schunkler “Ich hab Dich tausend Mal geliebt” (1999) sowie der hymnische 95er-Hit “Alles, was Du willst” aus der beliebten RTL-Serie “Dr. Stefan Frank - Der Arzt, dem die Frauen vertrauen” - und dann, ohne lange zu fackeln, rein in den allerletzten Song der Setlist, hieß die Devise, auf die Kaiser während der letzten Minuten seines Hamburger Gastspiels zu setzen schien. Der einzige Albumsong des Abends - “Bis zum nächsten Mal”, aus der 1988 erschienenen LP “Seitenblicke” - mutierte zur Erlösung: Roland Kaiser konnte nun schnurstracks die Bühne verlassen und sich - so war es ihm zumindest zu wünschen - in die fürsorgliche Obhut des Tourneearztes begeben.
Der Verfasser saß in diesen Sekunden bereits im Taxi in Richtung nach Hause und mußte die vergangenen zweieinhalb Stunden erst mal verdauen. Roland Kaiser, ein wichtiger Teil seines musikalischen Lebens, hatte soeben ein Konzert absolviert, das letztendlich nur durch Mixer, Band und Chorsängerinnen gerettet werden konnte - als Sänger hatte des Verfassers Jugendidol über weite Strecken eine üble Figur abgegeben. 24 Perlen deutscher Popmusik, zu denen bestimmt nicht nur der Rezensent jeweils eine persönliche, wundersame, erfreuliche, traurige, auf jeden Fall gefühlvolle Geschichte zu erzählen in der Lage ist, gerieten zu blassen Coverversionen im Stile der Vor-Vor-Vorauswahl von “Deutschland sucht den Superstar”. Natürlich können auch Prominente krank werden und sich erkälten. Dies ist nur allzu menschlich und darf keinen Kritikpunkt darstellen. Nur sollte ein ansonsten über alles erhabener Vollblutmusiker, wie Roland Kaiser seit Jahrzehnten einer ist, in so einem Falle auch die Größe besitzen und zusätzliche Kosten wie Mühen nicht scheuen, sich zu seiner vorübergehenden Stimmschwäche zu bekennen, und Livedarbietungen, mögen sie von seinen Fans noch so heiß ersehnt sein, auf einen unbelasteten Zeitpunkt verschieben. Es bleibt zu hoffen, daß das Hamburger Konzert Roland Kaisers nur eine kurzzeitige Verstimmung bedeutete und nicht den “Worst Case” in Form eines Abstiegs in die zweite Liga ankündigte. Denn dafür haben wir alle, die wir am 14. März im CCH waren, Roland Kaiser und seine weiterhin grandiosen Lieder viel zu sehr in unser Herz geschlossen!
(Holger Stürenburg, 14./15. März 2005)

Artikel vom 15. März 2005

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