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DVD - Das Beste aus der ZDF Hitparade * 12/04

Von Diverse

?Das beste aus der ZDF Hitparade? (Folge 2) (DVD)
?Das beste aus der ZDF Hitparade (Folge 1) (DVD)
Montag, 12. Januar 1981. Ein trister Winterabend. Die Straßen sind verschneit, die Eltern nicht zu Hause, die Vorhänge fest zugezogen. Es soll ja niemand mitkriegen, welch zuvor so lange verpönter Tätigkeit sich das Kind in der einsamen, abgedunkelten Wohnung sogleich erstmals in seinem Leben hingeben würde. Gebannt sitzt der knapp Zehnjährige auf dem Sofa und blickt auf den Fernseher. Was nun wohl auf ihn zukäme? Auf jeden Fall etwas, was ihm die Eltern bis dato streng verboten hatten. Plötzlich hallt eine allseits bekannte Stimme durch das Wohnzimmer: ?Es ist Neunzehn Uhr Dreißig - Hier ist Berlin!?. Meine allererste ?Hitparade im ZDF? hatte begonnen!
Bisher hatten meine Löwenthal-konservativen Eltern befürchtet, der kulturelle Untergang, die Dekadenz sämtlicher moralischer Wertigkeiten bräche auf ihren Sohn herein, wenn sich dieser die ?Hitparade im ZDF? ansähe. Es sei der ?Anfang vom Ende?, sagte Mutter, wenn das Kind durch Schlager und aktuelle Hits vom Popvirus infiziert und womöglich antiautoritär aufgewiegelt würde. Vater schien tatsächlich in so harmlosen Barden wie Bernhard Brink oder Chris Roberts umstürzlerische Revolutionäre zu sehen. Daher galt es bei uns lange nicht als comme il faut, die seit 1969 monatlich ausgestrahlte, von Schnellsprecher Dieter Thomas Heck moderierte ?Hitparade im ZDF? auf dem vom Familienoberhaupt mit viel Mühe ausgearbeiteten und penibel auf ideologische Unbedenklichkeit überprüften Fernseh-Wochenplan zu notieren. Doch Vaters Kommunismusfurcht und Mutters moralinsaure Ängste vermochten nicht zu verhindern, daß ihr Sohn am 12. Januar 1981 unheilbar an Morbus Heck erkrankte und bis Ende der 80er Jahre, als dessen Interesse an aktuellen Popsongs zeitgleich mit dem Niveau der Sendung stetig sank, kaum eine Ausgabe versäumte!
Erinnerungen an behütete Kindheit und wilde Jugend werden wach bei wohl jedem heute 30- bis 40jährigen, der sich die aktuelle DVD ?Das Beste aus der ZDF Hitparade ? Folge 2? (BMG) zulegt und mittels ihrer in die tiefsten 70er und kühlsten 80er Jahre eintaucht. Gut, vom Hitparadendebüt des Rezensenten (zumindest als Zuschauer; wir wollen ja nicht hypertroph werden!) findet sich kein Beitrag auf der übervollen und mit viel Liebe und Schlagerleidenschaft konzipierten, nahezu dreistündigen DVD. Dafür aber 30 andere deutschsprachige Klassiker aus den Genres Schlager, Pop, NDW und Deutschrock, dargeboten im typischen ?Hitparaden?-Modus: ?Live? gesungen, zum eingespielten Halbplayback. Schon im Herbst vergangenen Jahres war ?Das Beste aus der ZDF Hitparade? (BMG) erschienen: Eine erste Folge dieser hoffentlich als Serie geplanten Wiedererweckung betagter, aber noch immer hochgradig amüsanter deutscher Popkultur. Freunde der leichten Muse, ansonsten gnadenlose Kritiker und abgehobene Feuilletonredakteure jubelten gleichermaßen in Anbetracht dieser gelungenen Lektion in Sachen deutscher Fernseh- und Musikgeschichte. Sogar das linksliberale Rockmagazin ?Rolling Stone?, das für einheimische Klänge jenseits von Avantgarde und zeigefingerschwenkendem Ideologiepop ohnehin meist nur Hohn und Spott übrig hat, zeigte sich von dieser DVD begeistert und vergab (für eine Schlagerproduktion ungewöhnliche) drei Wertungspunkte!
Bei Folge 1 hatte man bei der Titelauswahl besonders auf die fröhlichen, aber zugleich nicht selten nervtötenden 70er Jahre zurückgegriffen (Rex Gildo, Tony Holiday, Roy Black, Bruce Low etc.) und dem darauffolgenden Jahrzehnt nur rund die Hälfte der ebenfalls 30 Titel gewidmet. Die soeben veröffentlichte Fortsetzung legt hingegen ein deutliches Augenmerk auf die kühle Dekade: 26 von 30 Songs stammen aus Sendungen der Jahre 1980 bis 1984. Als Beigabe findet sich die allererste ?Hitparade im ZDF? vom 18. Januar 1969 (mit musikalischen Koryphäen der Sorte Graham Bonney, Renate Kern oder Bata Ilic als Gästen…) in voller Länge. Die aktuelle DVD ist nicht nur aufgrund ihrer vielseitigen, niemals Langeweile erzeugenden Zusammenstellung eine Meisterleistung. Wie in einer Zeit(geist)maschine reist der Interessierte durch das vielschichtige Kolorit der 70er und 80er Jahre. Zeigte sich Heck im Sommer 1976, während er Chris Roberts´ grauslichen Schunkelschlager ?Do you speak English? anmoderierte, noch als legerer Abenteurertyp mit halboffenem, dunkelgrünen Militaryhemd, so gab er uns 1983/84 im feudalen, schneeweiß glänzenden Anzug den großbürgerlichen Yuppie mit Gartenparty-Attitüde. Beiträge wie Roland Kaisers ?Lieb mich ein letztes Mal? (1981), Marianne Rosenbergs ?Ich sah Deine Tränen? (eine sonst nicht weiter aufgefallene deutsche Version des ABBA-Hits ?One of us?, 1982) oder Gitte Haennings kongeniale Andrew-Lloyd-Webber-Interpretation ?Freu Dich bloß nicht zu früh? (1980) lassen den Zuschauer die getragene, dunkle, nicht selten als hoffnungslos empfundene Stimmung zur Dekadenwende 70er/80er zwischen Kriegsangst, Nachrüstungsdebatte und wirtschaftlicher Rezession auch rund ein Vierteljahrhundert später perfekt nachempfinden. Die kreuzbrave Nicole hauchte im August 1981 siebzehnjährig ihre Ballade vom zu hoch geflogenen Vogel ebenso hochgeschlossen und bieder; Kindersternchen Andrea Jürgens hatte schon drei Jahre vorher ihr (ganz schön peinliches) Scheidungsdrama ?Und dabei liebe ich Euch beide? mit einer überzeugten wie überzeugenden Unschuld gepiepst, die wahrlich nicht vermuten ließ, daß ein Blümchen oder gar eine Britney Spears überhaupt jemals möglich sein könnten! Schüchtern, in schier unpassendem knallgelben Pullover, konnte der junge Tommy Steiner gar nicht fassen, daß er mit seinem Südseeschlager ?Die Fischer von St. Juan? ohne, daß er dies auch nur leise erahnte, im Mai 1983 vom Publikum aus dem öden Auszubildendendasein sogleich auf Rang 2 gewählt wurde. Ob Andreas Martin (?Amore Mio?, Januar 1983), Andy Borg (?Arrivederci Claire?, Februar 1983) ? übrigens mit einem noch schrecklicheren Pullover bekleidet als Kollege Steiner - oder die unsägliche holländische Teenieboy-Band The Shorts (?Comment ca va?, August 1983): Für viele Nachwuchskünstler bildete der Auftritt in der ?ZDF-Hitparade? den Startschuß für einen mal kürzer, mal länger andauernden Status als ?Schlagerstar?.
1982 wurde es plötzlich greller, schriller und bunter in Deutschlands Musikwelt. Auch die bislang traditionelle, manchmal etwas unbiegsam erscheinende Show des langjährigen CDU-Wahlkämpfers Dieter Thomas Heck blieb von der Neuen Deutschen Welle nicht verschont. Des Moderators jugendlicher Parteifreund Markus hüpfte atemlos durch ?Ich will Spaß?, Trio romantisierten in ihrem speziellen Weihnachtslied ?Turaluraluralu ? ich mach Bubu, was machst Du? geschmackvoll vor sich hin, die Spider Murphy Gang karikierte auf Boarisch die Münchener ?Schickeria?. Alles, was Rang und Namen hatte im NDW-Sommer 1982, ließ sich ohne Skrupel auch bei Heck blicken. Die großen Deutschrocker jener Tage ? Lindenberg, BAP, Grönemeyer ? mieden allerdings die ihnen so verhaßte Schnulzenshow unter meist mit politisch-soziologischem Überbau verbrämten Begründungen; Der ebenfalls aus diesem Genre stammende Klaus Lage hingegen ließ sich gerne von Heck protegieren. Was dem Starmoderator 1983 mit Lages Rockballade ?Mit meinen Augen? noch nicht gelingen sollte, schaffte er im August 1984: ?Tausend und eine Nacht? fand sich erst in der ?ZDF-Hitparade? und nur wenige Wochen später auf den höchsten Rängen der Verkaufshitparaden, die damals tatsächlich noch schlicht “Hitparaden? hießen und nicht ?Charts. Es fällt auf: Man sprach seinerzeit noch, ohne sich zu schämen, Deutsch! Der Sänger ?performte? nicht seinen ?Chartbreaker?, sondern sang sein Lied mit originärer (auch mal heiserer, belegter, aber dadurch stets “echter”) Stimme. ?Halbplayback?, ?live? und ?Media Control? dürften vor 20, 25 Jahren die einzigen Anglizismen gewesen sein, auf die man auch in der einheimischen Schlagerwelt nicht verzichten konnte und mochte!
Während bei Folge Eins von ?Das Beste aus der ZDF Hitparade? ausschließlich Musikbeiträge, ohne Pause hintereinander aufgereiht, präsentiert werden und die Verantwortlichen Hecks An- und Abmoderationen nicht immer passend herausgeschnitten hatten, so verstärkt sich auf der soeben erschienenen Fortsetzungs-DVD das zeitgeschichtliche Flair eines Künstlerauftritts zusätzlich dadurch, daß man nicht wild, auf Teufel komm raus herum- und herausschnitt, sondern auch die spannenden und oft vielsagenden Minuten vor und nach der eigentlichen Darbietung zu sehen und zu hören sind. Etwa, wenn der in den 70ern tief gestürzte Drafi Deutscher am 30. Juni 1984 nicht nur seinen damaligen Hit ?Tief unter meiner Haut? vorträgt, der ihm eine gefeierte Rückkehr in Hecks Show ermöglichte, sondern zusätzlich vom Moderator liebevoll, aber bestimmt dazu gedrängt wird, eine instrumentale (!) Filmmusik, die das Stehaufmännchen des deutschen Schlagers zuvor für einen neuen Streifen mit den ?Supernasen? Thomas Gottschalk und Mike Krüger komponiert hatte, nur mittels seiner Stimme kurz dazubieten. Oder als Frank Zanders Trio-Parodie ?Da Da Da ich weiß Bescheid, Du weißt Bescheid?, die sich lyrisch gewitzt mit den Sorgen und Nöten eines alleinerziehenden Vaters auseinandersetzt, am 6. September 1982 unerwartet damit endet, daß einem als Studiodekoration genutzten Kinderwagen Trio-Schlagzeuger Peter Behrens entsteigt und erst mal kraftvoll in die (diesmal gebackene) Goldtrophäe für Zanders Platzierung hineinbeißt! Gottlieb Wendehals lädt am 7. Dezember 1981 das sonst so gesittete Publikum zur wilden ?Polonäse Blankenese? durch die Studios der Berliner ?Union-Film?, Frank Zander brachte bereits im September gleichen Jahres als Fred Sonnenschein seine überdimensionalen Hamster-Freunde mit in die Sendung. Mary Roos stellt im Frühjahr 1984 nüchtern (!) fest, daß sie trotz ihres mutmaßlich alkoholseligen Auftritts beim Grand Prix Eurovision 1984 in Luxemburg, immer noch in der Lage ist ?aufrecht (zu) gehen?.
Viele längst verschollen geglaubte Erinnerungen werden geweckt, wenn der stets sympathische Heck ? allerdings nicht chronologisch geordnet ? durch die Höhen und Untiefen deutschsprachiger Schlager und Popmusik der 70er und 80er führt ? zu einer Zeit, als nur höchstens drei Kameraeinstellungen den Zuschauer nicht verwirrten, als der Popfan noch an liebenswerten Banalitäten a?la ?Ja mei? (Relax) oder ?Uschi? (Stephan Sulke) seine Freude hatte, im deutschen Showgeschäft Qualität (Roland Kaiser, Howard Carpendale, Roger Whittaker) oder zumindest gediegener Jux (Mike Krüger, Frank Zander, Trio) zählten ? und das Land noch aus zwei Teilen, das Fernsehen aus nur drei Programmen und die F.D.P. aus mindestens fünf Prozent bestand!
Von dieser Ära legen beide Folgen von ?Das Beste aus der ZDF-Hitparade? nachfühlbar, intelligent aufbereitet und einfach spannend und ansprechend konzipiert Zeugnis ab! Vor allem aber beweisen beide DVDs, mit wie wenig technischen Spielereien und finanziellem Aufwand man vor 20, 25 Jahren ohne jegliche Sensationsgeilheit und Quotendruck nette Fernsehunterhaltung bieten konnte, die zwar nicht ?geil? oder ?cool? war, aber schlicht sympathisch, anregend und stimmungsvoll!
?Das Beste aus der ZDF Hitparade? schreit geradezu nach einer weiteren Fortsetzung. Unzählige schöne Lieder aus längst vergangenen, besseren Zeiten bekamen erst durch Hecks ?Hitparade im ZDF? den Anstoß, um als immergrüner Ohrwurm in die Schlagergeschichte einzugehen. Ob Nenas Liebesbekundung an ihren Schlagzeuger Rolf Brendel, mitten während sie ihr Lied ?Fragezeichen? sang, oder Wolf Maahns ?Skandalauftritt? in Hecks Abschiedssendung zum Jahresausklang 1984, als der Kölner Deutschrocker Textzeilen seines Hits ?Fieber? zu Ungunsten des scheidenden Moderators umdichtete ? es schlummert noch viel Interessantes in den Archiven der ?Hitparade im ZDF?, das man dem Freund Deutscher Schlager genauso wenig vorenthalten sollte wie unverbesserlichen 80er-Freaks, Hobbyhistorikern und Popchronisten! - und vielleicht finden sich auf einer nächsten Ausgabe ja auch Mitschnitte von eingangs erwähntem 12. Januar 1981: ?Jugendgefährdende Kulturrevoluzzer” wie Ingrid Peters (?Ich halte zu Dir?), Hanne Haller (?Samstag Abend?), Bernhard Brink (?Viel zu jung?) oder sogar die unmögliche Rentnerband (?Ski Heil ? Bein kaputt?) böten genügend aufregenden Stoff auch für andere Hitparaden-Gucker an jenem mystischen Montag Abend zu Jahresbeginn 1981!
(Gesamtwertung: Bestwertung)
(Holger Stürenburg, 14./15. März 2004)

Große Melodien und unvergessene Auftritte: Kult nicht nur für Fans!
1 Katja Ebstein Theater
2 Howard Carpendale Ti amo
3 Nicole Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund
4 Chris Roberts Do you speak English?
5 Tony Marshall Mach` Dir das Leben doch schön
6 Drafi Deutscher Tief unter meiner Haut
7 Marianne Rosenberg Ich sah Deine Tränen
8 Bernhard Brink Ich wär so gern wie du
9 Gitte Haenning Freu dich bloß nicht zu früh
10 Andreas Martin Amore mio
11 Mary Roos Aufrecht geh`n
12 Andrea Jürgens Und dabei liebe ich Euch beide
13 Relax Ja mei
14 Klaus Lage Band 1001 Nacht
15 Trio Turaluraluralu
16 Mike Krüger Bodo mit dem Bagger
17 Gottlieb Wendehals Polonäse Blankenese
18 Frank Zander Dadada, ich weiss bescheid …
19 Markus Ich will Spaß
20 Spider Murphy Gang Schickeria
21 The Shorts Comment ca va
22 Tommy Steiner Die Fischer von San Juan
23 Roger Whittacker Wenn es dich noch gibt
24 Fred Sonnenschein Wenn wir alle Englein wären
25 Stephan Sulke Uschi
26 Paola Blue Bayou
27 Rolf & seine Freunde … und ganz doll mich
28 Jonny Logan Was ist schon ein Jahr
29 Roland Kaiser Lieb` mich ein letztes Mal
30 Andy Borg Arrividerci Claire

Artikel vom 16. März 2004

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