Diverse Interpreten - Bääärenstark 2005 (2 CD)
Was in den 70er und 80er Jahren noch ?Super 20? hieß und von einem aufgeregt umherflatternden bunten Vogel mit inzwischen legendärer Quäkstimme (erinnere: ?… die von Arrrrrrrrriola?) präsentiert wurde (der zum Ende der kühlen Dekade kurzzeitig ?Super-Willi? getauft wurde, bevor man ihn voller Undankbarkeit auf den Müllhaufen der Marketingstrategien verfrachtete), trägt nun im zwölften Jahr ? nach einem schnellen Intermezzo unter der Bezeichnung ?Einfach spitze!? - den längst etablierten Namen ?Bääärenstark?. Als Conferencier dieser CD-Serie, die seit Urzeiten in regelmäßigen Abständen die beliebtesten und wichtigsten einheimischen Hits eines jeweiligen Zeitabschnitts aufbietet, dient ein gemütlich-freundlicher Braunbär.
Phantasievolle Tierfiguren galten stets als Verkaufsgaranten der einstigen Münchener Schallplattenfirma Ariola. Diese fungiert aktuell als Unterlabel des ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt ansässigen Medienriesen SONY-BMG und kümmert sich überaus rührend und nahezu ausschließlich um deutschsprachige Künstler aus Schlager, Volkstümlicher Musik, Pop, Rock und klassischem Chanson bzw. Liedermachertum. Von 1994 an erschien bei Ariola ohne Ausnahme zum Jahresende jeweils eine prallgefüllte Doppel-CD, die, mit dem liebenswerten Bären Balu auf dem Cover, die besten und erfolgreichsten deutschen Schlager und Popsongs der vorangegangenen zwölf Monate zusammenfaßte. Nun liegt die 2005er-Ausgabe von Balu?s Schlager-Hitparade mit den 42 größten Hits des Jahres vor. Ein bunt ausstaffierter Brummbär läßt auf dem CD-Deckblatt von ?Bääärenstark 2005? in einer verschneiten Berghütte die Korken knallen und lädt ein zu einem insgesamt knapp 145minütigen Hörvergnügen auf zwei Silberscheiben, im Rahmen dessen alle Freunde deutschsprachigen Liedguts fast jeder Stilistik auf ihre Kosten kommen.
Alteingesessene Entertainer und Showstars sind genauso mit von der Partie wie frische Nachwuchskünstler, die oft soeben erst begannen, sich einen Namen in der Schlagszene zu machen. Kritische Deutschrocker reichen sich die Hände mit intelligenten Weltenwanderern zwischen Schlager, Rock und Pop; Volkstümlich-Barockes gibt?s auf ?Bääärenstark 2005? ebenso zu hören, wie plietsche Partyschlager und Fetenaufmischer.
Zunächst fallen einem mit einiger Wahrscheinlichkeit die großen alten Damen und Herren der hiesigen Schlagerzunft ins Auge. So etwa Altmeister Udo Jürgens, dem 2005 trotz seiner inzwischen 71 Jahre und damit verbundener leichter Stimmprobleme mit dem munteren Popblues ?Jetzt oder nie? ein erneuter Superknaller inkl. Hitgarantie aus der Feder geflossen ist, der gehörig Appetit macht auf seine Tournee im kommenden Frühjahr. Schmuse-Gentleman Roger Whittaker veröffentlichte bereits Ende 2004 eine überdurchschnittliche Kollektion seiner bekanntesten internationalen Hits, die er sämtlich in deutscher Sprache eingesungen hatte. Aus dieser wurde der elitäre Folk/Pop-Verschnitt ?So weit, so gut? (im Original ?So far, so good?) für ?Bääärenstark 2005? berücksichtigt. ?Lady Show? Ireen Sheer gelang vor wenigen Wochen, nach ein paar eher ruhigen Jahren, ein fundamentales Comeback Dank des Albums ?Bin wieder verliebt? und besonders der flotten Single ?Heut verkauf ich meinen Mann?, die trotz Jack-White-typischen Plastiksounds und nicht immer vollständig nachvollziehbarer Schenkelklopferlyrik vor Charme und Jugendlichkeit nur so überquillt. Die Nordhorner ?Schlagerkanone? Bernhard Brink ist zwar auch schon 53 Jahre alt, aber gerade in letzter Zeit beliebter, umschwärmter und begehrter denn je. Sein knackiger 2005er-Discohammer heißt ?Geh doch? und lädt sogleich zum Tanzen und Schwofen ein. Die unverwüstlichen ?Flippers? brachten vor kurzem ihr 40. Studioalbum ?Hundertmal? auf den Markt, dessen peppiger Titelsong hundertprozentig ein weiterer Ewigkeitsklassiker der drei betagten Romantik-Popper werden dürfte. Schlagerchansonnier Andreas Martin, dessen Lebensalter die magische 50 ebenfalls längst überschritten hat, betont augenzwinkernd und aufmunternd, zu properen Reggaerhythmen ?Wir sind immer noch gut?; G.G. Anderson, langjähriger Spezialist für flachsenden Frohsinn und schmalzige Liebesdramen gleichermaßen, träumt provokativ und frech davon, ?Eine Stunde Dein Mann zu sein?. Die immer selbstbewußter und reifer agierende Ex-?Friedenstaube? Nicole beweist mit dem schleichenden Soulpop ?Engel ohne Flügel?, daß sie auch ohne die Mentorenschaft Ralph Siegels sehr gut in der Lage ist, feine, ins Ohr gehende Popmelodien mit internationalem Anspruch hervorzubringen. Der Sauerländer Countrybarde Tom Astor begeistert mit der gemächlichen, von niemand geringerem als Christian Bruhn verfaßten Westcoast-Ballade ?Winter in Kanada?.
Selbstverständlich darf der Schlager-Shootingstar des Jahres auf ?Bääärenstark 2005? keinesfalls fehlen: Andrea Berg schmettert gefühlvoll und melancholisch die düstere Popballade ?Ich hab nie wieder im Regen getanzt?. Konventionell bleibt es dagegen (wie es nicht anders zu erwarten war…) bei Claudia Jung (?Geh?n wir zu mir oder zu Dir?), Gaby Baginsky (?Heut Abend geh?n wie aus?) oder Michelle (?Fliegen?). Die madige Ballade ?Ich will nicht länger nur nachts von Dir träumen? des Südtiroler Schlagerbarden Andreas Folterer (Entschuldigung, dies fällt in die Kategorie ?Freudscher Versprecher?, der Herr hört auf den Namen ?Fulterer?…) klingt, wie schon tausendmal zuvor vernommen. Viel lieber erfreuen wir uns dafür an rhythmusbetonten Partyschlagern der kessesten Sorte von z.B. Kristina Bach (?Reden ist Silber und Küssen ist Gold?) oder Michael Morgan (?Das geht vorbei?). Properen, mundharmonikadurchtränkten Pop/Rock mit Blueseinflüssen stellte Frauenschwarm Matthias Reim für ?Bääärenstark 2005? zur Verfügung (?Ich bin nicht verliebt (Unverwundbar)?). Italo-Crooner Nino de Angelo beschäftigt sich derzeit mit Springsteen-ähnlichem AOR-Rock und sang sich 2005 mittels der wehenden Rocknummer ?Wie der Wind? in die Herzen seiner Fans. Wortakrobat und ?Niedermacher? a.D. Heinz Rudolf Kunze überraschte zu seinem 25jährigen Bühnenjubiläum mit dem einschmeichelnden Mid-Tempo-Rocker ?Immer für Dich da?, die Austro-Kabarettisten von der ?Ersten Allgemeinen Verunsicherung? zogen im herrlich bitterbösen Text ihres genialischen Anti-Bush-Pamphlets ?God Bless America? alle Register eines konstruktiven Zynismus.
Auch weniger bekannte Namen traten dieses Jahr mit profunden Popperlen an die Öffentlichkeit: So glänzt die von 1996 an musikalisch aktive Passauerin Vivien Lindt auf ?Bääärenstark 2005? mit dem so nachdenklichen wie melodiösen Popchanson ?Und trotzdem liebe ich Dich?, der 28jährige Oliver Thomas aus dem Schwarzwald fabrizierte eine hochkarätige Liebesballade namens ?Jede Menge Leben? (die harmonisch übrigens verdammt an die (un)selige Nationalhymne der Sowjetunion gemahnt…), der Nürnberger Herzensbrecher Axel Becker orientierte sich in ?Ich schwöre Dir? am synthilastigen Romantikschlager der 80er Jahre a?la Tommy Steiner oder Michael Stein, während sich Jens Bogners mitreißender Gitarrenpopper ?Es gibt doch keinen Grund zu lügen? in Sachen Stil, Arrangement und Intonation ganz in der Nähe Howard Carpendales aufhält. Die freiberufliche Moderatorin, Sängerin und Entertainerin Edwina de Pooter verspricht zu burschikosen Discorhythmen der alternden Männlichkeit ?Das geht auch noch über ?30?, Schauspieler und Musicalstar Andreas Zaron setzt hingegen auf Optimismus und ?Meine Rosa Brille? (Songtitel). Ralph Siegels jüngste Entdeckung July Klein schmachtet ?Neue Liebe braucht mein Herz?, die klassisch ausgebildete, diplomierte Musiktherapeutin Anke Lautenbach ist mit der hochemotionalen Soulballade ?Mach Dich stark? mit von der Partie. Paloma, 1998 zur ?Miss Schweiz? gekürt, gehört ebenfalls seit kurzem zum Hause Siegel und suchte für ?Bääärenstark 2005? den heißblütigen Latinopop-Versuch ?It?s a Wonderful Life? heraus. Etwas fehl am Platze wirken der niederländische Orchesterchef Danny Malando und seine gewöhnungsbedürftige Interpretation des 20er-Jahre-Schnaderlhüpferls ?In einer kleinen Konditorei?, den er im langweilenden Kaufhaus- und Fahrstuhlmusik-Gewand aller Spritzigkeit beraubt.
Nicht jedermanns Sache sind und waren von jeher volkstümelnde Schmonzetten naiv-schöngeistiger Natur. Doch eine auf Vollständigkeit bedachte Hitkoppelung, die möglichst alle in einem gewissen Zeitraum bedeutsamen nationalen Produktionen ohne Wertung einbinden möchte, kann nicht darauf verzichten, den unsäglich vor sich hin jodelnden Ex-Skistar Hansi Hinterseer (?Beim Alpenglühen und Edelweiß?), die selbst dem tolerantesten Freund gehobener deutscher Popsounds (als ein solcher der Rezensent hinreichend bekannt ist) Wutfalten ins Gesicht treibenden ?Folkrocker für Hartz-4-Empfänger?, die ?Seer? (?Sun, Wind und Regen?), oder das schwülstige Geschnulze der ?Geschwister Hoffmann? (?Wehrlos?) unter die ansonsten, wie beschrieben, über weite Strecken sehr gelungenen, zumindest aber gut genießbaren Beiträge aus dem Schlager- und Popbereich zu mischen. Über ?De Randfichten? (?Jetzt geht die Party richtig los?) hüllt der geschmackssichere Musikgourmet ohnehin lieber den Mantel des Schweigens; der deftige Minnegesang auf die dralle ?Edeltraut? hätte in den frühen 70er Jahren, etwa interpretiert von einem Chris Roberts oder Peter Orloff, durchaus seine Berechtigung gehabt. Anno Domini 2005 vermittelt die penetrante Fröhlichkeit des einfältigen Bierzeltstampers einen arg aufgesetzten und sinnlosen Eindruck.
Bei einer 42 Lieder umfassenden Kompilation ist es eben unvermeidlich, daß sich darunter auch schwächere, weniger erfreuliche Lieder befinden. So fragt sich der Rezensent seit Stunden, weshalb der in Österreich residierende, argentinische Möchtegern-Julio-Iglesias Semino Rossi dieser Tage von Presse und Fans unisono und pausenlos bejubelt, gar vergöttert wird (hier vertreten mit ?Ja ? ich würd es immer wieder tun?), oder warum die Hamburger (bzw. Maschener) Uralt-Cowboys von ?Truck Stop? meinen, in der heutigen Zeit unbedingt mit einem sacht kapitalismuskritisch angehauchten Betroffenheitsschunkler wie ?Deine Sorgen möchte ich haben? punkten zu können. Kumpel-Popper Wolfgang Petry, der einst so gnadenlose Partyhymnen wie ?Der Himmel brennt?, ?Wahnsinn?, ?Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen? oder ?Augen zu und durch? im Programm hatte, ist nach immensem Rückgang seiner Plattenverkäufe nichts anderes eingefallen, als seine Kölner Wurzeln herauszukehren und sich neuerdings als matter ?Kölsche Jung? für die hinterstgelegene Mallorca-Kaschemme anzubieten, wobei die Ariola-Verantwortlichen ?Wolle? auf ?Bääärenstark 2005? sogar gleich zweimal die Chance zur rheinischen Selbstfindung einräumten: Neben dem unmöglichen Titelsong seiner diesjährigen CD ?Ich bin ene kölsche Jung? (was in korrektem Südstadt-Kölsch allerdings heißen müßte: ?Ich benn eene Kölsche Jong?!), darf sich der geneigte Hörer ganz zum Schluß der Doppel-CD darüber hinaus an einem vierminütigen ?Kölschen Hit-Mix? delektieren, in dem Petry billigste Faschingsstomper mit den miesesten Auswürfen der sonst so schmackhaften ?Bläck Fööß? pietätlos vermengt.
?Bääärenstark 2005? umfaßt beinahe das gesamte Spektrum deutschsprachiger Unterhaltungsmusik. Daher ist es völlig unrealistisch, anzunehmen, daß jedem Rezipienten jedes auf vorliegender Doppel-CD vorgestellte Lied ohne Unterschiede aus dem Herzen spricht. Der liebevoll zusammengestellte Hitsampler ist jedenfalls in bester Manier dazu in der Lage, einen spannenden, umfangreichen und ausführlichen Überblick über all das zu vermitteln, was in den vergangenen Monaten eine herausgehobene Rolle in der traditionellen einheimischen Schlager- und Popszene spielte.
Gesamtnote: 2
(Holger Stürenburg, 22./23. November 2005)
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