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Congratulations 50 Years of the Eurovision Song Contest 1956-1980 (2 CD) 1981-2005 (2 CD)

Von Diverse

Im Herbst 1955, zehn Jahre nach Ende des II. Weltkrieges, kamen die Mitglieder der soeben begründeten ?European Broadcasting Union? zu einer Konferenz zusammen. Auf dieser wurde die Idee eines neuartigen Musikwettbewerbs erörtert, der einerseits jungen Talenten aus allen europäischen Ländern die Chance auf einen internationalen Durchbruch eröffnen, andererseits dem neugeborenen Europagedanken Rechnung tragen sollte. So entschloß man sich, künftig einmal im Jahr ein mehrstündiges Liederfest abzuhalten, orientiert am erfolgreichen ?San Remo Festival? in Italien und per TV übertragen in ganz Europa. Auf diese Weise wurde der ?Grand Prix de la Chanson Eurovision? aus der Taufe gehoben, der trotz mancher Skandale und nicht weniger Peinlichkeiten, obgleich er immer wieder abgeschrieben und für unnütz, spießig oder nicht mehr zeitgemäß erklärt wurde, bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat, selbst wenn zwischenzeitlich durch den Zusammenbruch des östlichen Kommunismus viele weitere Staaten zu den Teilnehmern gestoßen sind, alle paar Jahre das Reglement geändert wurde ? und sich sogar mancher Grand-Prix-Siegertitel nur kurz nach dem jeweiligen Song Contest als veritabler Flop ohne jegliche Haltbarkeit zeigte.
Ein halbes Jahrhundert nach jener legendären Zusammenkunft der europäischen Medienfachleute galt es 2005, den 50. Geburtstag des Grand Prix zu feiern, der sich seit einiger Zeit ?Eurovision Song Contest? nennt und sich im Laufe seines Bestehens für alle nur möglichen Stilrichtungen der Unterhaltungsmusik geöffnet hat. Dies geschah mittels einer europaweit ausgestrahlten TV-Show am 22. Oktober diesen Jahres, im Rahmen derer nicht nur der beliebteste Teilnehmertitel aller Zeiten ermittelt wurde, sondern man zusätzlich die wichtigsten, skurrilsten, aufregendsten und skandalösesten Momente aus 50 Jahren Grand Prix Revue passieren ließ. Aus diesem Anlaß veröffentlichte die Hamburger Plattenfirma EDEL Media & Entertainment vor kurzem zwei proppevolle Doppel-CDs, auf denen sich nicht nur sämtliche Siegertitel ? ob zum Evergreen erwachsen oder längst vergessen ? befinden, sondern auch Geheimtips, Publikumslieblinge und solche Lieder, die zwar nicht mit einer Siegertrophäe das Liederfestival verließen und dennoch zu unvergänglichen Popklassikern avanciert sind. Das erste Doppelalbum ?Congratulations ? 50 Years of Eurovision Song Contest? beinhaltet (so der Untertitel) ?All the Winners and Favourites 1956 ? 1980? ? 51 Lieder aus 25 Jahren, mit einer Gesamtspieldauer von rund 140 Minuten.
Chronologisch geordnet, beginnt das historische Hörvergnügen mit dem allerersten Siegertitel. Dieser hieß ?Refrain?, war ein typisches gemütliches 50er-Jahre-Chanson und wurde von der Schweizer Schlagersängerin Lys Assia interpretiert, die noch heute im Showgeschäft aktiv ist, obwohl sie den meisten von uns ausschließlich aufgrund ihrer unzerstörbaren Monumentalballade ?Oh, mein Papa? (1950) im Gedächtnis haften geblieben ist. Getragene Schlager, opulente Balladen und bierernste Chansons bestimmten das Programm der frühen Grand-Prix-Jahre, poppigere Klänge, gar Rock?n?Roll, Beat und ähnliche Jugendvorlieben kamen zunächst keinesfalls zum Tragen. Während z.B. der jazzige 57er-Gewinner ?Net als Toen? (gesungen von der späteren Richterin Corry Broken aus den Niederlanden) oder der spezifisch französische Schleicher ?Dor Mon Amour? (von Ex-Schauspieler Andre? Claveau zum Sieg geführt), längst auf dem Müllhaufen der Musikgeschichte ruhen und kein Hahn mehr nach ihnen kräht, war es dem italienischen Liedermacher Domenico Modugno in zwei aufeinander folgenden Jahren zwar nicht vergönnt, das Siegertreppchen des Grand Prix zu besteigen, dafür aber gelangen ihm mit den Teilnehmerliedern ?Nel Blu, Dipinto Di Blu? (1958 ? Rang 3), besser bekannt als ?Volare? und im Laufe der Jahre von diversen Showstars aufgenommen, bzw. ?Piove (Ciao, Ciao Bambina)? (1959 ? Rang 6) bis in die Jetztzeit hinein jedem Musikfreund geläufige Schlagerwelterfolge. Den frechen Swing ?N Beetje? plazierte 1959 die Holländerin Teddy Scholten auf Platz 1, ein Jahr später folgte ihr die brünette Französin Jaqueline Boyer mit der kessen Ode auf ?Tom Pilibi? ? zwei freundliche Lieder, nach denen sich Schlagerexperten generationsübergreifend die Finger lecken. Irgendwo in der Nähe von Jacques Brel oder Charles Aznavour angesiedelt war das Luxemburger Chanson ?Nous les Amoureux? von Jean-Claude Pascal (1961). Es spielt heutzutage aber ebensowenig eine Rolle wie die traurig-regnerisch wirkende Ballade ?Un Premier Amour? (1962, Isabelle Aubret) oder Grethe und Jorgen Ingmanns 63er-Jammerwalzer ?Dansevise?. Der 1962 sechstplazierte Ex-Kinderstar Conny Froboess aus Berlin landete dagegen mit seinem plietschen Beitrag ?Zwei kleine Italiener? einen der größten Grand-Prix-Hits überhaupt, der sich sogar in den Beneluxländern und Skandinavien auf den höchsten Rängen der Hitparaden wiederfand.
Die Veranstaltung des Jahres 1963 gerierte sich als Geburtsstätte zweier künftiger Weltstars: Sowohl die für die Schweiz antretende Israelin Esther Ofarim (?T?en vas pas?, Rang 2), als auch die stets bebrillte Griechin Nana Mouskouri (?A Force de Prier?, Rang 8 für Luxemburg), nutzten den Song Contest als Sprungbrett für jahrzehntelang anhaltende Karrieren auf der ganzen Welt. Zwei Jahre später machten sich leise Einflüsse von Pop und insbesondere Beat beim Grand Prix bemerkbar. Die bis in die ausgehenden 80er Jahre hinein sehr angesehene Luxemburgerin France Gall holte mit den lauten, schrillen Klängen ihres Evergreens ?Poupee de Cire, Poupee de Son? den Pokal für ihr Vaterland. Im darauffolgenden Jahr gewann erstmals ein deutschgesungenes Lied den Grand Prix: Der aus Österreich stammende Komponist, Pianist und Sänger Udo Jürgens, der bereits 1964 und 1965 seine Heimat beim Song Contest vertreten hatte, trug sein klassisch angehauchtes Erfolgschanson ?Merci Cherie? zwar in seiner Muttersprache vor, machte sich aber Dank der französischen Titelzeile (nicht nur) bei der Pariser Jury sehr beliebt, so daß der bis heute aktive Entertainer den Grundstein für seine noch Hunderte Klasse Lieder hervorbringende Erfolgsskala beim Grand Prix legen konnte. Die Britin Sandie Shaw, die 1967 barfüßig (!) den Beatschlager ?Puppet on a String? präsentierte und den ersten Platz einnahm, blieb ebenfalls viele Jahre ein international renommierter Gesangsstar, der in den 80er Jahren durch eine bizarre, aber nicht unsympathische Kooperation mit der Gitarrenband ?The Smiths? endgültig Kultstatus erlangte. Diesen besitzt auch 2005 noch die in Deutschland lebende, gebürtige Griechin Vicky Leandros, deren Chansonballade ?L?amour est bleu? 1967 einen vierten Platz für Luxemburg besorgte und ihrer Interpretin gleichzeitig eine erfolgreichen Laufbahn zwischen Schlager, Chanson, Pop und Folk ermöglichte. Längst ein überaus erfolgreicher Popstar war zum Zeitpunkt seiner ersten Grand-Prix-Teilnahme der kurz zuvor zum Christentum konvertierte Brite Cliff Richard. Er war 1957/58 als wilder Rock?n?Roller gestartet und setzte im weiteren Verlauf seines künstlerischen Werdegangs in erster Linie auf eingängige Popkompositionen mit spannender Melodie und stets wiedererkennbarem Refrain. ?Congratulations? zog beim ?Grand Prix? 1968 zwar nur als zweitplaziertes Lied von dannen, geriet jedoch zu einem der erinnerungswürdigsten Grand-Prix-Beiträge und dient zugleich bis ins neue Jahrtausend hinein täglich unzähligen Geburtstagskindern als gesungenes Glückwunschtelegramm. Ein Jahr darauf gab es gleich vier strahlende Sieger: Mit jeweils 18 Punkten teilten sich die niederländische Folkbardin Lenny Kuhr (?De Troubadour?), die britische Springmaus Lulu (?Boom Bang-a-Bang?), der spanische TV-Star Salome (?Vivo Cantando?) und die klassisch ausgebildete Französin Frida Boccara (?Un Jour un Enfant?) den ersten Rang. Vier Gewinner, aber keines der Lieder hat es vermocht, zu einem unvergeßlichen Gassenhauer zu werden. Auch der siebtplazierten Nordirin Muriel Day gelang es nicht, ihr Liedchen ?The Wages of Love? über den Grand Prix hinaus zu etablieren. Es galt jedoch durch seine soulige, nahezu rockige Inszenierung als bedeutsames Zeichen einer stilistischen Modernisierung der alljährlichen Veranstaltung. Die ebenfalls aus Irland stammende Siegerin des Jahres 1970, Dana, erschuf mit ihrem naiv-fröhlichen Frühlingsschunkler ?All Kinds of everything? zumindest einen dauerhaften Dauerbrenner in allen Radiostationen dieser Welt. Für das Fürstentum Monaco trat 1971 die zierliche Französin Severine an, holte mit dem ansonsten unbedeutenden Popchanson ?Un Banc, un Abre, un Rue? den Sieg und begann daraufhin eine Karriere im traditionellen Schlagerspektrum, die sie allerdings niemals über die zweite Liga hinausführte, obwohl ihr gerade hierzulande manch kleinere Erfolge gelangen.
Obschon das Siegerlied des Jahres 1972, ?Apres toi?, von der inzwischen etablierten Griechin Vicky Leandros intoniert wurde, entwickelte sich statt dessen weitaus eher Rang 2, der peppige Beat ?Beg, Steal or Borrow? von den ?New Seekers? (GB), zu einem Ewigkeitsrenner, der bis 2005 jede Oldiefete zum Kochen bringt. Zwölf Monate später siegte mal wieder Luxemburg; die französischgesungene Ballade ?Tu te reconnaitras? von Anne-Marie David blieb aber in keinem Ohr hängen. Ganz anders hingegen Maestro Cliff Richard, dessen kraftvoller Poprocker ?Power to all our Friends? über Platz 3 nicht hinauskam, aber sogleich in die ellenlange Liste seiner Allzeit-Ohrwürmer einzog und sich bis heute in sehr positiver Ausprägung dort hält. Erstmalig nahm am 73er-Grand Prix Israel als eigenständiger Staat teil, da das Olympia-Attentat im Vorjahr das Nahost-Krisengebiet näher an Europa herangeführt hatte. Ein Platz 4 für das arg konventionelle Popnümmerchen ?Ey Sham?, gesungen von einer Dame namens ?Ianit?, legte das Wohlwollen der Europäischen Gemeinschaft an den Tag, auch einem in geographischer Hinsicht nicht zum Kontinent gehörenden Land eine integrative Chance zu gewähren.
?Waterloo? ? so hieß der immergrüne Siegertitel des Jahres 1974. Agnetha Fältskog, Benny Andersson, Björn Ulväus und Annafrid ?Frida? Lyngstad, von uns allen verehrt als ?ABBA?, starteten mit ihrem einprägsamen Pop/Rock-Verschnitt ?Waterloo? von der Bühne des Grand Prix aus eine Bilderbuch-Karriere, die sie bis zu ihrer Trennung, Ende 1982, in fast jedem Land der Erde auf die höchsten Ränge der Hitlisten katapultierte und zusätzlich einen jahrzehntelangen Kult auslöste, der in der Geschichte der Popmusik seinesgleichen sucht. Ebenfalls auf einen gewissen Bekanntheitsgrad bauen konnte die 1974 viertplazierte Olivia Newton-John. Das in Australien aufgewachsene Popsternchen vertrat Großbritannien mit dem eher banalen Bubblegum-Popper ?Long Live Love?, der wahrlich nicht erahnen ließ, daß Olivia nur wenige Jahre später durch ihre Mitwirkung am Teeniespektakel ?Grease? und so knackige Poprocker wie ?Physical? zur weltweit gefragten Discoqueen werden sollte. Der 74er-Durchbruch des Schweden-Quartetts ?ABBA? sorgte dafür, daß sich immer häufiger reine Vokalgruppen beim Grand Prix ein Stelldichein gaben. Die sechsköpfige Formation ?Teach-In? ? fünf Holländer, ein Österreicher ? setzte 1975 auf melodieorientiertes Discogefühl und fuhr mit dem temporeichen, sehr stark an die ?ABBA?-Erfolge jener Tage angelehnten Ohrwurm ?Ding-a-Dong? den Sieg für die Niederlande ein ? doch nach ein paar weiteren, stilistisch ähnlich ausgerichteten Singles, die bis Ende der 70er auf den Markt kamen, versanken ?Teach-In? in der Versenkung. Hochkarätig, aber bei der Jury nicht beliebt, war Joy Flemings 75er-Beitrag für Deutschland. Die professionelle Jazz- und Soulchanteuse hatte vor ihrer Teilnahme mit Schlagertralala nichts am Hut gehabt und reiste mit dem aufbrausenden, bläserbetonten Soulhymnus ?Ein Lied kann eine Brücke sein? zur Endausscheidung nach Stockholm. Die wohlbeleibte Rockröhre aus Mannheim landete zwar weit abgeschlagen auf dem 17. Platz, ihr kraftvolles Lied jedoch entwickelte sich europaweit zu einem Kultklassiker einer Sängerin, deren Grand-Prix-Teilnahme eher eine krasse Unterforderung ihrer darstellte, als sich für sie als karrierefördernd zu erweisen. Fröhlich-einschmeichelnder 70er-Pop in der Nähe von ?Dawn? oder den ?Drifters? verbuchte 1976 den Sieg beim Song Contest. Die vierköpfige Vocalgroup ?Brotherhood of Man? trug das swingende Liebeslied ?Save all your Kisses for me? vor, entschied den ?Grand Prix? unangefochten für sich, plazierte ihr Lied daran anschließend in 34 Ländern auf dem ersten Platz der Hitparaden und zog sogar in den USA in die Top 30 ein. Ausschließlich in ihrer französischen Heimat konnte dagegen Marie Myriam reüssieren, die 1977 mit dem dramatischen Popchanson ?L?Oiseau Et L?Enfant? zur Grand-Prix-Siegerin gekürt wurde. In Frankreich gilt Maries Gewinnertitel noch 2005 als musikalisches Volksgut, der Rest der Welt hat ihn längst vergessen. Discolastige, aufwühlende Ethnoklänge hatten 78er-Sieger Izhar Cohen und seine Truppe ?The Alpha-Beta? im Programm. ?A-Ba-Ni-Bi? sicherte den ersten Grand-Prix-Sieg für Israel und sorgte außerdem dafür, daß Izhar in seiner Heimat geradezu als Held gefeiert wurde, der 1985 nochmals am Song Contest teilnahm und dort den fünften Platz belegte. Platz 7 erklomm 1978 das aus Spanien stammende Duo ?Baccara?, das im Auftrag Luxemburgs pures Discofieber anbot: ?Parlez-Vous Francais? überzeugte zwar nicht die Jury, aber die Tanzsaal-Jünger in ganz Europa, die das fetzige Liedchen zum Nightlife-Hymnus per Excellance erhoben. 1979 fungierte Israel als Austragungsort des ?Grand Prix? ? und die Siegertrophäe blieb gleich vor Ort. Das Quartett ?Milk & Honey with Gali Atari? kreierte mit ihrem locker-flockigen Popsong ?Halleluja? einen der beliebtesten Grand-Prix-Standards überhaupt, obgleich die Band darüber hinaus außerhalb ihrer Heimat keinen weiteren Eindruck hinterließ. Dies vermochte jedoch die viertplazierte Formation ?Dschingis Khan?, die von Münchens Schlagerlegende Ralph Siegel eigens für die Grand-Prix-Teilnahme 1979 zusammengestellt worden war. Zeitnahe Discoklänge a?la ?Village People? oder ?Boney M.? verband Siegel mit der Geschichte des sagenumwobenen Mongolenherrschers, der dem Sextett zugleich seinen Namen gab. Europaweit entwickelte sich ?Dschingis Khan? zu einem Riesenhit und ließ die gleichnamigen Vokalisten für ein paar Jahre zur erfolgreichsten deutschen Popcombo werden. Eine ruhige, herbstliche, beinahe gedämpfte Stimmung verbreitete der romantische Siegertitel des Jahres 1980: Der blutjunge Ire Johnny Logan übertrumpfte mit der melodischen Ballade ?What?s another Year? die eigentliche Favoriten des 1980er-Grand Prix, Katja Ebstein, gewann mit seiner sympathischen Schüchternheit und Ernsthaftigkeit die meisten Länderjurys für sich und galt nur wenig später in ganz Europa als hochgeschätztes Naturtalent, von dem ? wie wir wissen ? in Sachen zarter Popballaden noch eine Menge zu erwarten war. ?What?s another Year? eröffnete das Grand-Prix-Leben der 80er Jahre, läßt aber gleichzeitig die erste vorliegende Doppel-CD ?Congratulations ? 50 Years of Eurovision Song Contest? gemächlich zu Ende gehen. Auf der zweiten Ausgabe, die nach Adam Riese mit 1981 beginnt und die musikalische Zeitreise bis ins Heute führt, finden sich wiederum 51 Lieder auf zwei Silberscheiben, die zusammengerechnet eine Länge von ca. 155 Minuten aufweisen.
Das kurzzeitige Rock?n?Roll-Revival Ende der 70er ? Stichworte: Shakin? Stevens, ?Racey? oder ?Matchbox? - hatte es möglich gemacht, daß 1981 erstmals in der Geschichte des Grand Prix ein lupenreiner Rock?n?Roll-Song den ersten Platz belegte: Die vier Briten von ?Bucks Fizz? überzeugten mit einer energiegeladenen Darbietung ihres Titels und starteten Dank des rasanten Ohrwurms ?Making your mind up? eine ebensolche Karriere, die drei Nummer-Eins-Hits in England hervorbringen sollte, welche in vielen anderen Ländern Europas ebenfalls zu gefragten Chartbreakern wurden. Auf insgesamt vier Grand-Prix-Teilnahmen brachte es zwischen 1971 und 1981 das schweizerische Folktrio ?Peter, Sue & Marc?. Ihr mystischer 81er-Beitrag ?Io senza te?, in italienischer Sprache vorgetragen, war dabei der erfolgreichste, erzielte einen passablen Rang 4 und stürmte daraufhin in ganz Europa die Hitlisten.
Eine schneeweiße Gitarre, ein kreuzbraves Schulmädchen und ein Lied, das in nur drei Minuten sämtliche Ängste und Hoffnungen von Millionen Menschen zu Zeiten von Kaltem Krieg und NATO-Nachrüstung komprimiert bündelte und ausdrückte, sorgten für den ersten (und bis heute einzigen) deutschen Sieg beim Grand Prix. Die 17jährige Saarländerin Nicole schmetterte das von Ralph Siegel und Dr. Bernd Meinunger verfaßte Popchanson ?Ein bißchen Frieden? und wurde überall auf der Welt verstanden, zumal sie nicht ? wie viele Pazifisten und Radikalideologen ? einen irrealen ?totalen Frieden? einforderte, sondern ausschließlich ihre Sehnsucht nach ?ein bißchen Frieden? kundtat, der bereits in Familie, Freundeskreis und persönlichem Umfeld beginnen sollte. Nicoles charmanter Gitarrenschlager geriet ? in der jeweiligen Landessprache aufgenommen ? zu einem europaweiten Superhit; die inzwischen 40jährige Sängerin zählt 2005 weiterhin zu den erfolgreichsten und beliebtesten deutschen Popsängerinnen und feierte dieser Tage ihr 25jähriges Bühnenjubiläum. Durch Nicoles Durchbruch im britischen Harrogate verursacht, wurde der Grand Prix des Jahres 1983 in Deutschland, genau gesagt: in München, ausgerichtet. Von der lachhaften Moderation Marlene Charells abgesehen, existierten gewisse Probleme hinsichtlich des Siegertitels. Selten zuvor lag die Meinung von Publikum und Jurys soweit auseinander wie 1983. Der schlußendlich viertplazierte jugoslawische Sympathieträger Daniel und seine stilistisch deutlich an Teenieliebling Shakin? Stevens orientierte Ode auf die Strandschönheit ?Julie?, sowie die hübsche 16jährige Schwedin Carola Haegkwist mit ihrem romantischen Popsong ?Främling? (Rang 3) kamen bei den Münchener Zuschauern weitaus besser an, als die nümperne Luxemburgerin Corinne Hermes, die zwar die Länderjurys weitgehend auf ihrer Seite hatte, nicht jedoch die Besucher der ?Rudi-Sedelmayer-Halle?, deren Jubel bei den Auftritten von Daniel und Carola kaum enden wollte, in Anbetracht von Corinne Hermes allerdings seltsam gemäßigt ausfiel. Im ?Orwell-Jahr? ging der Sieg nach Schweden. Die Mormonen-Brüder Louis, Per und Richard Herrey hatten unter dem Bandnamen ?Herrey?s? einen peppigen Pop-Ohrwurm im Gepäck, der aber im allgemeinen Popgeschehen des Jahres 1984 sehr konventionell und überholt wirkte, so daß ?Diggi-Loo, Diggi-Ley? schon wenige Wochen nach der Veranstaltung vergessen und das Kapitel ?Herrey?s? nach nur einer LP wieder beendet war. Gegenteiliges erlebten die beiden Italopopstars Alice und Franco Battiato. Beide blickten bereits auf eine längere, ertragreiche Karriere zurück, als sie sich für den 84er-Grand-Prix zusammentaten, das propere Chanson ?I treni Di Tozeur? aufboten und damit den fünften Platz erreichten. Dieses nur mittelprächtige Resultat nutzte ihrer weiteren künstlerischen Tätigkeit nicht, schadete aber ebensowenig. Alice und Franco gelten bis heute als intelligente und ausdrucksstarke Vertreter der italienischen Liedermacherszene. Der 85er-Siegertitel ?La det Swinge? des norwegischen Duos ?Bobbysocks? verblieb qualitativ im Mittelfeld: Eine amüsante, nicht aber umhauende Pop?n?Roll-Mixtur zwischen ?ABBA? und ?Bucks Fizz?, die außerhalb der skandinavischen Heimat von Hanne Krogh und Elisabeth Andreasson deren einziges musikalisches Lebenszeichen blieb. Den zweiten Rang belegte 1985 das deutsche Sextett ?Wind?, das von der kürzlich verstorbenen Komponistin und Produzentin Hanne Haller entdeckt und gefördert worden war. Das betuliche Popschmankerl ?Für alle? wurde in der internationalen Presse als ?typical weltschmerzy-pop? verhöhnt, geriet aber nichtsdestotrotz in vielen europäischen Staaten zu einem einträglichen Hit. ?J?amie la Vie?, das 13. Lied auf vorliegender zweiter ?Congratulations?-Doppel-CD wurde von einem ebenso alten weiblichen Teenager geträllert. Die Belgierin Sandra Kim gewann mit der muntren Pophymne den 86er-Grand-Prix im norwegischen Bergen, ohne weitere Spuren im Popbusineß zu hinterlassen. Und doch gab ihre Teilnahme den Ausschlag dafür, daß in den folgenden Jahren verschiedenste Länder ein ums andere Mal halbe Kinder zum ?Grand Prix? entsandten, um aus deren unschuldigem Lolitagehabe Kapital zu schlagen, bis eines schönen Tages das Reglement dahingehend geändert wurde, daß man eine untere Altersgrenze von 16 Jahren für alle teilnahmewilligen Sänger und Musiker einführte.
Sieben Jahre nach seinem ersten Grand-Prix-Sieg mit der Ballade ?What?s another Year? vertrat der Ire Johnny Logan erneut sein Land beim Song Contest. ?Hold me now? begann genauso einschmeichelnd und sanft, wie sein Debüt-Hit, baute sich aber nach und nach zu einer monumentalen, hymnischen Liebeselegie auf, die auf jeden Fall zu den anspruchsvollsten Beiträgen der Grand-Prix-Geschichte gerechnet werden kann, ihren Interpreten vom Makel des ?Ein-Hit-Wunders? befreite und auf diese Weise dessen bis heute andauernde Musikerlaufbahn festigte. Zu einem ebenso großen Hit entwickelte sich die mediterrane Italo-Ballade ?Gente di Mare?, die 1987 auf dem dritten Platz gelandet war. Singer/Songwriter Umberto Tozzi (?Ti amo?, ?Gloria?) und Italo-Disco-Star RAFF (?Self Control?, ?Change your mind?) waren alte Hasen im Showgeschäft, als sie sich für dieses einmalige Duett zusammentaten, das in ganz Europa zu einem der beliebtesten Sommerschlager avancierte. Eine weitere Weltkarriere nahm 1988 in Dublin ihre Anfänge: Das 18jährige Sangestalent Celine Dion intonierte für die Schweiz den Up-Tempo-Song ?Ne Partez Pas Sans Moi?, plazierte diesen auf dem ersten Rang, was dazu führte, daß die gebürtige Kanadierin Mitte der 90er als eine der populärsten Popsängerinnen der Welt galt. Im Jahr von Mauerfall und Öffnung der Innerdeutschen Grenze zeigte sich das Grand-Prix-Repertoire sehr flott, munter, frech und temporeich. Als Sieger schritten 1989 die fünf Jugoslawen von ?Riva? mit der Up-Tempo-Nummer ?Rock me? von dannen, die Dänin Birthe Kjaer setzte genauso auf fetzige, swingende Klänge und konnte ihr Lied ?Vi Maler byen rod? auf dem dritten Platz unterbringen.
Die 90er Jahre starteten mit der neuzeitlichen Europa-Hymne schlechthin: Italo-Crooner Toto Cutugno, der in der Dekade zuvor schon ein paar seiner Lieder in diversen Hitlisten hatte unterbringen können (z.B. ?L?Italiano?, 1983, ?Serenata?, 1984), trug beim Grand Prix 1990 in Zagreb das selbstgeschriebene, locker vor sich hin wiegende Rockchanson ?Insieme: 1992? vor, dessen Text die Freude über das durch den zu Jahresbeginn 1992 in Kraft tretenden ?Vertrag von Maastricht? beschleunigte innereuropäische Zusammenwachsen ausdrückte und auf diese Weise zu einem realen Überhit in allen EG-Mitgliedsstaaten wurde. Nur den fünften Rang erzielte 1990 die hyperkommerzielle, tanzbodengerechte Gypsy-Kings-Kopie ?Bandido? von der spanischen Truppe ?Azucar Moreno?, die ohne größeren Erfolg Elemente der Discostilistik ?House? mit heißblütigen Mittelmeer-Rhythmen verflocht. Das zickige Ethno-Chanson ?Black und White Blues?, komponiert von Gossenpoet Serge Gainsbourg und zugunsten Frankreichs dargeboten von der dunkelhäutigen Schönheit Joelle Ursull, sprach zwar vielen Spezialisten und Popgourmets aus dem Herzen, nicht sosehr jedoch den gemeinen Popfans, so daß die schwüle Akkordeonnummer nur einen ? natürlich überaus passablen ? Rang 2 für sich in Anspruch nehmen konnte. 1991 war dagegen wiederum ?Pure Pop? angesagt. Die schnuckelige Carola Haegkwist war inzwischen erwachsen geworden, absolvierte selbstbewußt und emanzipiert ihren Auftritt und sicherte so ? acht Jahre nach ihrer ersten Grand-Prix-Teilnahme ? mittels des treibenden Popopus ?Fangad av en Storm? den Sieg für ihre Heimat Schweden. Mit fast der gleichen Punkzahl wie Carola schritt die farbige Sängerin Amina, in Frankreich lebende Tochter tunesischer Einwanderer, von dannen. Ihre aufregende Popballade ?Le Dernier qui a Parle? behandelte die Ehre muslimischer Frauen, galt als eine der außergewöhnlichsten und ausdrucksstärksten Darbietungen in der gesamten Historie des Grand Prix und sorgte zudem im Nachhinein für vielschichtige politische Debatten.
Niemand geringeres als der zweifache Grand-Prix-Sieger Johnny Logan schrieb den Gewinnertitel des Jahres 1992. Die irische TV-Moderatorin Lina Martin sang die opulente Rockballade ?Why me? und wies mit diesem Tun alle anderen Teilnehmer gehörig in die Schranken. Ein Jahr später konnte erneut eine Vertreterin von der grünen Insel die Grand-Prix-Trophäe zum Schluß der Show in Händen halten, selbst wenn die von ihr interpretierte Soulballade ?In your Eyes? kaum Eigenständigkeit aufwies, wirkte wie schon tausendmal vorher gehört und folglich außerhalb Irlands keinerlei Meriten einfahren konnte. Weitaus mitreißender ertönte hingegen Ruth Jacotts holländischer Vorschlag ?Vrede?: Wilder, energetischer Soulpop, unterlegt von einem deutlichen, aber niemals nervtötenden Discobeat, der allerdings auf dem sechsten Rang strandete.
Eine folkorientierte, überwiegend akustisch gehaltene Gitarrenballade über die guten, alten Zeiten von Beat und Rock?n?Roll in den 60ern gewann den Grand Prix des Jahres 1994. Zwei darüber hinaus vollkommen irrelevante Iren namens Paul Harrington und Charlie McGettigan bezeichneten sich selbst als ?Rock?n?Roll Kids? und überflügelten mit gleichnamigem Folkschlager alle anderen Teilnehmer des Abends. So z.B. die zweitplazierte Polin Edyta Gorniak, deren gefühlvoller Gesang an den Stil ihrer berühmten US-Kollegin Mariah Carey gemahnte ohne, daß die von ihr vorgetragene Monumentalballade ?To nie ja? jemals internationale Reputation erzielen konnte. Eine krude Melange aus klassischen Streicherklängen, esoterischer Verschnicktheit und nur wenigen Textworten entschied 1995 den Grand Prix für sich. Das norwegische Projekt ?Secret Garden? setzte sich mit seinem Beinahe-Instrumental ?Nocturne? gegenüber allen Arten von traditionellerem Pop wie z.B. die stille Ballade ?Vuelve Conmigo? von der Spanierin Anabel Conde (Platz 2) oder die kühle Enya-Kopie ?Fra mols til skagen? von der in der ehemaligen ?DDR? geborenen Dänin Aud Willken (Rang 5) konsequent durch. Exzentrische keltische Folksounds im Stile Kate Bushs fabrizierte die klassisch ausgebildete Irin Eimear Quinn, deren nicht uninteressantes Klangdrama ?The Voice? sich 1996 als siegreich erwiesen hatte und mit tatsächlich vorhandener kompositorischer Qualität z.B. das nur durch ihren ultrakurzen Minirock aufgefallene britische Tekknogirly Gina G. mit ihrem billigen Plastikpop ?Just a little Bit? (Rang 8) oder die schüchternen Estländer Maarja-Liis Ilus & Ivo Linna mit ihrer rauchigen, aber ansonsten belanglosen Ballade ?Kaelakee Hääl? (Rang 5) nicht zum Zuge kommen ließ.
Der 1997er-Grand-Prix stand ganz im Zeichen des seinerzeit gerade ausbrechenden 80er-Revivals. ?Katrina & the Waves?, im Supersommer 1985 für den Partyhit ?Walking on Sunshine? verantwortlich, galten nach ihrem lieblichen 93er-Radioerfolg ?Honey Lamb? und einer gemeinsamen Tournee mit den US-Altrockern ?Fleetwood Mac? zwei Jahre darauf eigentlich längst als ein hoffnungsloser Fall von Gestern. Doch mit dem ? alles andere als überwältigenden ? Pop-Shuffle ?Love shine a Light?, der in Sachen Charme und Eingängigkeit an ihre früheren Gassenhauer aus den 80ern keinesfalls heranreichte, konnte Katrina Leskowich, gemeinsam mit ihren ?Wellen?, einen grandiosen Sieg für Großbritannien verbuchen, der allerdings nicht verhindern konnte, daß sich die spritzige Truppe nur wenig später endgültig trennte und ihr Comeback nicht auskostete. 1998, zum 50. Jahrestag der Gründung des Staates Israel, sandte das dortige Publikum die Transsexuelle ?Dana International? ins Rennen. Proteste und Boykottaufrufe orthodoxer Juden halfen nichts; dem bombastischen Discogewitter ?Diva?, vorgetragen von dem/der futuristisch gestylten Sänger/in, konnte kein anderer Act etwas Spektakuläreres entgegensetzen. Eine von Trendforschern und Plattenindustrie prophezeite Weltkarriere der ?Lola? des ausgehenden 20. Jahrhunderts? blieb hingegen ein frommer Wunsch. Nach der 98er-Veranstaltung trat eine Neuerung bei den Regeln zum Grand Prix ein: Von nun an durfte der Vertreter eines Landes zwar in seiner Muttersprache singen, aber dies war keine Voraussetzung zur Teilnahme mehr. Folglich entschieden sich die meisten Künstler, ihr Lied auf Englisch vorzustellen, um möglichst in vielen europäischen Teilnehmerstaaten verstanden zu werden. So ertönte auch das Siegerlied des Jahres 1999, obgleich es aus Schweden stammte, in englischer Sprache: ?Take me to your Heaven? war ein flotter, tanzbarer Pop/Rock-Verschnitt, der Elemente aus Glamrock, ABBA-Einsprengseln und 80er-Europop kongenial vereinte. Charlotte Nilsson, Frontfrau einer der beliebtesten Dancefloor-Bands Schwedens, trug den Ohrwurm, zum männerverschlingenden Vamp ausstaffiert, vor und überzeugte somit nicht nur akustisch, sondern zuvorderst optisch. Ein die schwedischen Landesgrenzen sprengender Bestseller wurde die Nummer dennoch nicht. Ein solcher gelang allerdings den ersten Grand-Prix-Siegern im neuen Jahrtausend. Die dänischen ?Olsen Brothers? hatten, wie auch die 97er-Gewinner ?Katrina & the Waves?, ihre besten Tage in den 80ern gehabt, 1982/83 für ansprechende Synthischlager wie ?Marie, Marie? oder ?Louise? gesorgt, und vertraten nun, wohlbeleibt und in Ehren ergraut, ihr Vaterland beim Song Contest. ?Fly on the Wings of Love?, ein gitarrenbetonter Mid-Tempo-Song, begeisterte jung und alt, und bewies, daß gutgemachte Popmusik nach dem Millennium nicht unbedingt per Computer und Synthesizer entworfen sein mußte, sondern gerne traditionell, ehrlich und akustisch klingen durfte und trotzdem Hunderttausende Musikfreunde jeder Generation anzusprechen in der Lage sein konnte. Ein weiterer interessanter Beitrag kam 2000 aus Lettland: Die Gruppe ?Brainstorm? setzte auf dunklen Gitarrenpop der zweiten Hälfte der 80er - melodisch, verträumt, romantisch - und vermochte so ihre hinreißende Popperle ?My Star? auf dem dritten Rang unterzubringen.
Partytaugliche Funkklänge, beeinflußt von Jimmy Cliff (?Reggae Night?) ebenso wie von ?Kool & the Gang? oder den ?Gibson Brothers?, gab es 2001 von den Estländern Tanel Padar & Dave Benton zu hören, die den fröhlichen Tanzpop ?Everybody? sogleich auf den ersten Rang hievten. Schwüles Disco-Feeling der 70er Jahre verbreitete das drittplazierte griechische Projekt ?Antique?, dessen Tanzflächenfüller ?Die for you? teils auf Englisch, teils auf Griechisch intoniert wurde und sich nach der Show zum kommerziell erfolgreichsten Lied des 2001er-Grand-Prix entwickelte, während man das Sieger-Duo aus Estland schnell wieder ad acta gelegt hatte. Als lettische Antwort auf Kylie Minogue präsentierte sich 2002 die Sängerin ?Marie N?, die aber vermutlich den Sieg eher wegen ihrer bizarren Choreographie ? sie begann ihren Auftritt als androgynes, männlich anmutendes Wesen und verwandelte sich in nur 2:58 Minuten in eine höllisch heiße Femme Fatale ? als ob ihres lächerlichen Dancefloor-Einerleis ?I wanna? einfahren konnte. Die Türkei verantwortete 2003 erstmalig in der Geschichte des Song Contest das Siegerlied. Für westliche Ohren sehr gut anhörbar, ohne jedoch den folkloristischen Hintergrund aufzugeben, sang sich die sympathische Sertab Erener mit dem fetzigen Disco-/Ethno-Chanson ?Everyway that I can? in die Herzen von Zuschauern und Jurys gleichermaßen. Dies gelang gottlob den vor der Veranstaltung vielfach zu Favoriten auf den Sieg ausgerufenen Pseudo-Lesben Yulia Volkowa und Elena Sergejevna Katina nicht. Das als ?T.A.T.U.? kurzzeitig global als Teeniesensation gehandelte Schulmädchen-Sex-Projekt bestand aus zwei kaum volljährigen, heterosexuellen Russinnen, denen ein geiler Produzent ein hocherotisches Lesbenimage verpaßt hatte ? ausschließlich, um per Skandal das große Geld zu machen. ?Wenn das Lenin wüßte?, wird manch stolzer Altsowjet gedacht haben, als die beiden frech ankündigten, sich während ihres Vortrags auf der Bühne öffentlich küssen zu wollen. Doch jeder noch so verbitterte Alt-Stalinist weiß genauso, daß angekündigte Revolutionen keine sind ? folglich ergoß sich zwar die Presse vor der Veranstaltung sensationsgierig über jedes noch so bizarre Gerücht, die sexuellen Vorlieben und Vorhaben der beiden schnieken Russenmädels betreffend, beim Grand Prix selbst jedoch siegte türkischer Charme anstandslos über russische Dekadenz und dumpfes Gestöhne in der schnellen ?T.A.T.U.?-Nummer ?Ne ver ne Bojsia?, und die beiden Expertinnen für ?Good Vibrations? erreichten lediglich Rang 3. Wilde, wirbelnde, aufreibende Tanzmusik, vermengt mit verschiedensten Weltmusikspielereien, bestimmten immer eindeutiger die beim Grand Prix vorgestellten Lieder. 2004 bot die Ukrainerin Ruslana Lischenko ?Wild Dances? (so der Songtitel) dar, sprang wie jeck über die Bühne, holte den Sieg für die Ukraine ? und etablierte sich Ende selbigen Jahres als Politheldin der ?Orangenen Revolution? in ihrer Heimat. Kein Wunder, denn mit dem von ihr beim Song Contest aufgeführten Geschrei, Gezeter und Getrommel verjagt man jeden noch so autoritären Diktator… Die ersten beiden Ränge des laufenden Jahres 2005 ? Helena Paparizou, Griechenland, und Chiara, Malta ? beenden nicht nur die zweite Scheibe von vorliegender (zweiter) Doppel-CD ?Congratulations ? 50 Years of the Eurovision Song Contest?, sondern auch den insgesamt (rechnet man die Laufzeiten beider CD-Sets zusammen) fast fünfstündige Parforceritt durch 50 Jahre europäische Popmusik.
Eine objektive geschmackliche Wertung über das Gehörte abzugeben, verbietet sich insofern, als daß sich jeder Grand-Prix-Fanatiker im Laufe der Jahre seine eigenen, höchstpersönlichen Favoriten herausgesucht hat und sich hierbei bestimmt von keinem Musikkritiker reinreden läßt. Der 80er-begeisterte Rezensent beispielsweise liebt noch heute die herzzerreißenden Balladen von Johnny Logan, Nicoles niedlichen Friedensappell oder Daniels akkordeonbetonte ?Dzuli?; andere bevorzugen vielleicht den stumpfen Discopop der 90er- und ?Nuller?-Jahre, wiederum anderen sind die braven Chansons und Schlager der Anfangszeit des Song Contest am liebsten. Wenn man sich beide Doppelalben jedoch unter historischem Blickwinkel ansieht bzw. anhört, so können sie nur mit einer glatten Bestwertung versehen werden. Eine so umfangreiche und verhältnismäßig vollständige Kollektion der unglaublichen Grand-Prix-Vielfalt hat es bisher nicht gegeben. Besonders lobenswert ist die Tatsache, daß die Verantwortlichen bei EDEL Media & Entertainment regelmäßig die originalen Grand-Prix-Lieder herausgesucht haben, die in der jeweiligen Landessprache eingesungen wurden. Oft veröffentlichten nämlich die Plattenfirmen europaweit englische Versionen der teilnehmenden Lieder auf Single, so daß z.B. ?Diggi-Loo, Diggi-Ley? von den ?Herrey?s? auf Schwedisch oder ?Dzuli/Julie? von Daniel auf Jugoslawisch bislang den Ruf absoluter Raritäten genossen, die auf Plattenbörsen (falls man sie dort überhaupt auftreiben konnte) mit bis zu 50 Euro dotiert wurden.
Die Klangqualität beider Doppel-CDs ist ebenfalls vorbildlich, die Beihefte informieren kurz, aber brillant und inhaltsreich über einzelne Interpreten wie entsprechende Grand-Prix-Austragungen. Für Musikgeschichtler, Sammler und Zeitgeistforscher sind vorliegende Doppel-CDs ebenso brisant, an- und aufregend wie für Popfans und Discofreaks!
Gesamtnote: Bestwertung
(Holger Stürenburg, 17. bis 19. November 2005)

Artikel vom 23. November 2005

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