Achim Reichel “100 Prozent Leben - Die Rockpalast TV-Sendung und vieles mehr” (2 DVD)
August 2003: Die Freie und Hansestadt Hamburg wird von einem Jahrhundertsommer heimgesucht. Bis zu 35° Grad zeigen die hanseatischen Thermometer sogar noch in den letzten Tagen des Monats an. Die Sonne brütet über Alster und Elbe, Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust über verschiedenen Planspielen nach der heftigen, aber überfälligen Entlassung seines umstrittenen Innensenators Schill, der Rezensent über den erdrückenden Nachwehen eines Herzkollapses drei Wochen zuvor. Von alldem sichtlich unbeeindruckt zeigte sich in jenen Tagen das Hamburger Rock-Original Achim Reichel. Der beliebte Deutschrocker lud an zwei Abenden - 25. und 26. August 2003 - seine Freunde und Fans zu zwei bis auf den letzten Platz ausverkauften Konzerten in die Fischauktionshalle direkt am Hafen ein. Grund für dieses Spektakel: Reichels 40jähriges Bühnenjubiläum im Verbund mit seinem 60. Geburtstag im Januar 2004.
In den vergangenen 40 Jahren hatte der gelernte Kellner aus dem tiefsten St. Pauli die deutsche Rockszene geprägt wie kaum ein anderer. In den Anfangstagen seines künstlerischen Schaffens sorgte er für den “Urknall” (Zitat) des deutschen Beat, als er 1962/63, kaum 18jährig, gemeinsam mit dem Bassisten Herbert Hildebrandt die legendären Rattles aus der Taufe hob. Das fetzige Quartett war nicht nur die erste, sondern auch die erfolgreichste einheimische Beatkapelle. Ausverkaufte Konzertreisen, Tausende kreischende Teenager in ganz Europa und als Höhepunkt Auftritte im Vorprogramm der Beatles im Rahmen von deren Blitztournee 1965 - schier Unglaubliches ging vonstatten in der kurzen, aber phänomenalen Karriere der im Hamburger “Star-Club” entdeckten Nachwuchsrocker, die dann jäh endete, als das Vaterland rief und der umschwärmte Frontmann Achim Reichel zum Wehrdienst einberufen wurde. John, Paul, George und Ringo legten ihre Liveaktivitäten auf Eis, die Pforten des “Star-Club” schlossen. Ein paar Jahre lang experimentierte Reichel nach seiner Bundeswehrzeit mit der Beat-Bigband “Wonderland”, nahm psychedelisch angehauchte LPs (”Die Grüne Reise”) oder schwerverdauliche elektronische Klangspielereien (The A.R. Machines) auf. Erst Mitte der 70er entdeckte Reichel jene Passion, der er bis heute nahezu durchgehend treu bleiben sollte: Knackige, gitarrenbetonte Rockmusik mit deutlichen Blues- und Boogieeinflüssen und (im wahrsten Sinne des Wortes) sagen-haften Texten. Zunächst grub der überzeugte Hamburger traditionelle Seemannslieder, Shantys und obskure Volksweisen norddeutscher Herkunft aus, die er für zwei hochgelobte Alben in schnörkellosem Rockkontext auferstehen ließ. Kaum später vertonte er klassische Gedichte von Goethe, Fontane, von Liliencron oder Ina Seidel, um kurz darauf jungen Nachwuchsdichtern die Chance zu geben, ihre Poesie mit seinem Rock`n`Roll zu verbinden. Als die Neue Deutsche Welle (mit der Reichel übrigens rein gar nichts am Hut hatte) dem Zusammenwirken von modernem Rock und deutschen Texten allen intellektuellen Dünkel genommen und somit Massentauglichkeit attestiert hatte, avancierte Reichel mit den feschen Rockchansons “Der Spieler” (1981), “Boxer Kutte” (1983) oder “Eine Ewigkeit unterwegs” (1986) zum umjubelten Star der blühenden Deutschrock-Szene der mittleren 80er. Vertrackte, überaus stimmungsvolle Gedichte des Frankfurter Underground-Lyrikers Jörg Fauser verband Reichel mit straightem Großstadtrock, und verantwortete so eine kongeniale Paarung von grobem Bluesrock und gestochen scharfer, ergreifender deutscher Lyrik. Nach Fausers frühem Tod 1987 begann Reichel selbst zu texten - ein Unterfangen, das sich nicht immer als besonders glücklich erwies. Poppige Klänge verdrängten vielfach den erdigen Rock`n`Roll. Schlagerhafte Popmelodien wie “Kreuzworträtsel” (1989) oder “Aloha Heja He” (1991) stürmten die Hitlisten. Die alten Fans folgten Reichels Hinwendung zum Profanen, Radiotauglichen nur widerwillig; ihre Herzen schlugen erst dann wieder höher, als sich ihr Idol Anfang 2002 auf seine Wurzeln besann, für das Album “Wilder Wassermann” erneut deutsche Mythen und Balladen aus den letzten Jahrhunderten hervorzauberte und in folkrockigen, überaus reizvollen Arrangements modern und zeitgemäß aufbereitete, um, wie er sagte, die Pflege einheimischen Volkstums nicht nationalistischen Fanatikern zu überlassen.
Aus diesem großen Fundus von 40 Jahren deutscher Rockgeschichte hatte sich der Jubilar 33 Perlen herausgesucht, die er bei seinen Jubiläumspartys am 25./26. August 2003 in bester Spiellaune, begleitet von vielen prominenten Gästen und sogar einem 50köpfigen Chor, gut gelaunt und zufrieden präsentierte. Der “WDR-Rockpalast” schickte Übertragungs- und Techniktrucks zur Fischauktionshalle; neun Kameras hielten Reichels über dreistündiges Konzert für die Nachwelt fest. Knapp ein Jahr nach der mit den wichtigsten Momenten dieser Shows prallgefüllten Doppel-CD “100 Prozent Leben”, veröffentlicht Reichel am 15. November 2004, ebenfalls bei seinem eigenen Musikverlag Tangram (Vertrieb: Indigo), eine Doppel-DVD. Diese beinhaltet das vollständige, ungeschnittene Konzert, eine feine TV-Dokumentation, in der sich Wegefährten, Freunde und Kollegen gegenüber dem Rockpalast-Team über den ersten realen deutschen Rockstar äußern, viele rare Photos und ein ca. 15minütiges Interview mit dem Star des Abends. Das ganze dauert volle 260 Minuten, heißt “100 Prozent Leben - Die Rockpalast TV-Sendung und vieles mehr” und dürfte jedem Freund anspruchsvoller, deutscher Rockklänge ein schönes Geschenk unter dem Weihnachtsbaum bedeuten.
Reichel hatte seine Jubiläumskonzerte in zwei Parts unterteilt. Zunächst zelebrierte er akustisch einige seiner rockigen Bearbeitungen klassischer Gedichte und Weisen. Allseits bekannte Volkslieder wie “Die Ballade von der Loreley”, oder “Am Brunnen vor dem Tore” (hier: “Der Lindenbaum”) erstrahlten genauso in neuartigem, faszinierenden Licht, wie z.B. Goethes “Erlkönig”, Ina Seidels “Regenballade” und sogar der schon tausendfach durchgekaute Standard “La Paloma”. Auch eigene Evergreens (”Der Spieler”, “Für immer und immer wieder”, “Fliegende Pferde”) legten, arrangiert mit Akkordeons, Mandoline, Ukulele, Harmonium, Bouzouki, Schalmei oder Mundharmonika, vollkommen neue, ungeahnte Facetten an den Tag. Bei Ringelnatz` “Lied von der Hochseekuh” griff plötzlich Prof. Gottfried Böttger in die Tasten; TV-Star Jan Fedder (”Großstadtrevier”) unterstützte Reichel am Mikrophon. Oft bedrohlich-düster (”Pest an Bord”, “Nis Randers”), aber auch augenzwinkernd-zynisch (”Das Sklavenschiff”), gar ungewohnt kritisch-politisch (”Exxon Valdez”) - Reichel und seiner versierten Band gelang es, jedes vorgetragene Stück in einer einzigartigen, unverwechselbaren Atmosphäre und Aura erscheinen zu lassen. Neben dem vollständigen akustischen Teil des Reichel-Auftritts findet der Fan auf DVD-1 eingangs erwähnte TV-Dokumentation sowie die letzte Studiosingle “Leben Leben”, untermalt von einer Vielzahl größtenteils unveröffentlichter Photos von Achim Reichel auf der Bühne, auf Reisen oder im Kreise seiner Familie.
Die zweite DVD beginnt mit dem schwitzigen “elektrischen Teil” des Konzerts. Reichel machte das Unmögliche möglich und vereinigte auf der Bühne, trotz aller vorangegangener Zwistigkeiten, sämtliche Originalmitglieder der Rattles. Gemeinsam mit Dicky Tarrach (dr), Hajo Kreutzfeld (git) und Herbert Hildebrandt (b) ließ der Jubilar nostalgisches “Starclub”-Flair aufkommen und rockte sich hocherfreut und kraftvoll durch betont einfach gehaltene Rattles-Schnaderlhüpferl a`la “La La La”, “Mashed Potatoes” oder “Come on and sing”. Erstmals bei einem Reichel-Konzert zu Liveehren kam daran anschließend “Moscow”, der erste und einzige reale Hit der Rattles-Nachfolgetruppe “Wonderland”. Nun stieg Reichel in seine bis heute andauernde Deutschrock-Ära ein, indem er ein Medley seiner besten verrockten Seemannslieder aufführte, das den Zuschauer beinahe glauben lassen konnte, jahrhundertealte Traditionals der Sorte “Hamburger Veermaster”, “Rolling Home” oder “Wir lieben die Stürme” seien schon immer nichts anderes gewesen als purer Rock`n`Roll. Beim 83er-Hit “Boxer Kutte” glänzte das Hamburger Szeneass Steve Baker an der Bluesharp; der 1989 zusammen mit der einstigen Bühnenmanagerin des “Starclub”, Hilde Peters-Steil, geschriebene “St. Pauli Blues” bekam ein erdiges Neuarrangement verabreicht, das einen Reichels unnötige Radiorock-Versuche der späten 80er und frühen 90er schnell vergessen ließ. Auch die Allzeit-Klassiker des verschmitzten St. Paulianers wie “Kuddel Daddel Du” (1992), “Steaks & Bier & Zigaretten” (1986), “Kreuzworträtsel” (1989) oder “Auf der Rolltreppe” (1991) wurden in einer schmissigen, folkrockigen Verpackung all ihrer bisherigen Mainstream-Lastigkeit beraubt - was den peppigen Rock/Pop-Ohrwürmern mehr als nur gut tat. Bevor ein heiserer, aber zutiefst gerührter Achim Reichel solo zur Gitarre die Neukomposition “Leben Leben” intonierte, die er erst wenige Wochen vor seiner großen Party geschrieben hatte, enterten zum Ausklang des offiziellen Teils des Abends allseits bekannte Kollegen wie Heinz Rudolf Kunze, Klaus Lage, Pianoartist Joja Wendt, Hamburgs Neo-Idol Lotto King Karl, der einst von Reichel entdeckte TV-Kabarettist Piet Klocke oder die Rock`n`Soul-Ladys Inga Rumpf und PE Werner die Bühne und zelebrierten, gemeinsam mit ihrem strahlenden Gastgeber, dessen 1980 erstmals aufgenommenen, ellenlangen Talking-Blues/Punk-Verschnitt “Hart am Ball”, wobei jeder der prominenten Freunde Reichels zwei bis drei Verse des aus insgesamt 19 Strophen bestehenden Epos über eine endlose Nacht gestrandeter Existenzen in einer verruchten-verrauchten Großstadtkneipe vortragen durfte.
Obwohl das auf DVD-2 zusätzlich vorhandene Reichel-Interview kaum mit neuen Erkenntnisse aufwartet und ein tonloses, prähistorisch anmutendes “Homevideo”, das im Sinne eines Stummfilms den pubertierenden Achim mit seiner ersten Tanzpartnerin zeigt, nur Beinhartfans zu Begeisterungsschreien veranlassen dürfte, findet der Interessierte auf vorliegender Doppel-DVD eine spannungsreiche, über weite Strecken atemberaubende und immer wieder Unvermutetes hervorbringende Lektion in Sachen Geschichte der deutschen Rockmusik. Die DVD-Version von “100 Prozent Leben” beinhaltet drei Songs mehr als gleichnamige Doppel-CD; das darauf festgehaltene Liveprogramm wirkt - trotz unterschiedlichster Entstehungszeit und musikalischer Grundlagen der einzelnen Songs - wie aus einem Guß. Dies beweist, daß Achim Reichel, der in rund drei Monaten bereits seinen 61. Geburtstag feiert, tatsächlich in den verschiedensten Stilistiken der Unterhaltungsmusik zu Hause ist. Folk, Blues, Rock`n`Roll, Balladen, Shanties, Volksweisen, Schlager und Boogie Woogie: Egal, was der Hamburger anpackt, es wird stets sehr schnell zu “100 Prozent” Achim Reichel!
(Gesamtnote: 2)
(Holger Stürenburg, 08./09. November 2004)
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